Debatte: Linksjugend [‘solid] - Was für einen Jugendverband brauchen wir?
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 68, April 08, Debatte, Linksjugend ['solid], veröffentlicht: 05.04.2008
Zwei Beiträge zur Zukunft von Linksjugend [‘solid] von Juliane
Nagel und Tinette Schnatterer
Vom 4. bis zum 6. April findet in Leipzig die Bundeskonferenz von
Linksjugend[‘solid] – dem Jugendverband der Partei DIE LINKE – statt.
Dort wird über Programmatik, Kampagnen und die Haltung zum Kurs der
LINKEN diskutiert werden. Anlass genug, der Frage nachzugehen, welche
Aufgaben eine linke Jugendorganisation heute hat.
Juliane Nagel
ehemals jugendpolitische Sprecherin der LINKEN Sachsen, heute Mitglied
im Landesvorstand der LINKEN Sachsen
Ein linker Jugendverband hat es im Zeitalter des neoliberalen
Kapitalismus nicht leicht. Der vorherrschende Markfundamentalismus hat
nicht nur die handfeste zunehmende Polarisierung von Klassenlagen zur
Folge, sondern auch sozialpsychologische Auswirkungen: der Geist von
Konkurrenz, Leistungsdruck und Eigenverantwortlichkeit durchdringt
Alltagsdenken und -praxis mehr und mehr. Jüngst belegte die
Langzeitstudie des Institutes für interdisziplinäre Konflikt- und
Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, dass sich rund die Hälfte
der Deutschen von Langzeitarbeitslosen belästigt fühlt.
Die zunehmende Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen führt
zu krassen Existenzängsten, die leider – und dafür spricht auch die
zunehmende Aktivierung von Nazi-Strukturen und der Einzug von rechten
Codes und Symboliken in die „Alltagsästhetik“ – in Schuldzuweisungen und
Aggressionen gegen noch Schwächere entladen wird.
Ein linker Jugendverband hat vor diesem Hintergrund dafür Sorge zu
tragen, den Gedanken einer solidarischen Gesellschaft stark zu machen.
Auf die Realität der politischen und ökonomischen Sozialkahlschlags- und
Freiheitsminimierungs-Extremismen können dabei nur radikale Antworten
gegeben werden. Das heißt, den Blick auf die strukturellen, dem
Kapitalismus immanenten Ursachen für Armut, „Herausfallen“,
Prekarisierung zu lenken.
Analyse muss mit Aktion einhergehen und die Zeiten struktureller Krisen
stellen eben auch günstige Bedingungen für eine emanzipatorisch
orientierte Aktivierung her. Junge Leute in Betrieben und Unternehmen,
junge Arbeitslose, Kreative, AktivistInnen verschiedener linker und
sozialer Bewegungen sind Zielgruppe und vor allem (potenzielle) Akteure
linker interventionistischer Politik.
Selbstbestimmungsorientierung gehört als zentrale Leitlinie in das
Programm sowie in die Praxis eines linken Jugendverbandes. Vor dem
Hintergrund der offensichtlichen Krise der Erwerbsarbeitsgesellschaft
gehört die Frage nach einer alternativen, an menschlichen Bedürfnissen
orientierten Ökonomie ins Zentrum. Die Forderung nach einem
bedingungslosen Grundeinkommen, auf dessen Basis jedem und jeder ein
menschenwürdiges Leben jenseits von Nützlichkeits- oder Effizienzdenken
ermöglicht werden würde, stände einem emanzipatorisch orientierten
Jugendverband, der für die „Wiederaneignung des Lebens“ kämpft, gut zu
Gesicht.
Verbands- oder Parteiarbeit, zentralistische Organisationskonzepte haben
in der Gegenwart nicht nur bei jungen Menschen berechtigterweise einen
schlechten Stand. Starre Hierarchien, abstoßende Sitzungsriten und zu
wenig spürbare und gesellschaftlich wirksam werdende, aktivierende
Ergebnisse sind Barrieren auf dem Weg zur politischen Organisation. Es
ist an Linksjugend solid, diesen Trend ernst zu nehmen und andere,
offene Beteiligungsformen und Strukturen anzubieten, sich nicht auf die
gängige Praxis von Hinterzimmerpolitik und Taktiererei einzulassen und
den Bruch mit dieser Praxis auch stärker von der Partei DIE LINKE
einzufordern.
Gleichsam darf der Jugendverband nicht zur Spielwiese verkommen, der
neben der Partei vor sich hin existiert und sich die Einflussnahme auf
die „echte“ Politik der Partei versagt. Ein linker Jugendverband muss zu
Kernfragen der gegenwärtigen Politik klar, grundsätzlich und zuspitzend
Position beziehen: Nein zur politisch flankierten Ökonomie der
Privatisierung, Nein zur Agenda-2010-Politik, Nein zur militarisierten
Außen- und zur repressiven Innenpolitik. Mit diesen verneinenden
Leitlinien heißt es gesellschaftlich wie auch in die Partei hinein
wirksam zu werden.
Diese Leitlinien bedeuten zugleich eine kritische Haltung zu einer
möglichen Koalition mit der „Agenda-2010“-Partei SPD. Bedeuten auch,
dass sich im Hinblick auf bestehende beziehungsweise gewesene
Regierungsbeteiligungen der LINKEN nicht der Stimme enthalten werden
darf. Die Verschärfungen der Landespolizeigesetze (wie in
Mecklenburg-Vorpommern und Berlin geschehen) oder die Verschlechterung
von Arbeitsbedingungen (wie in Berlin mit der Aufkündigung des
Flächentarifvertrages im Öffentlichen Dienst) unter Mitwirkung der
ehemaligen PDS beziehungsweise Linkspartei bedürfen harter Kritik und
dürfen in den sich anbahnenden Debatten um die Frage der
Regierungsbeteiligungen nicht ausgeblendet werden.
Eine grundsätzliche Positionierung des Verbandes zur Frage der
Regierungsbeteiligung lehne ich jedoch ab. Sinnvoller erschiene es,
harte inhaltliche Ausschlusskriterien, wie sie mit den oben stehenden
Leitlinien grob formuliert sind, zu fixieren und sich mit diesen
offensiv in die Debatte zu begeben. Von einem sich links verstehenden
Jugendverband erwarte ich in diesem Zusammenhang, dass er für sich
selbst und auch an DIE LINKE gerichtet klar bekommt, dass
parlamentarisches Handeln oder Mitregieren nicht darauf gerichtet sein
können, Widerstand zu kanalisieren und sich diplomatisch an
institutionelle Spielregeln zu halten. Die Erfahrung „angekommener“
Parteien ist nicht nur die Frage des Einknickens in inhaltlichen Fragen,
sondern auch eine der methodischen Anpassung an institutionelle
Spielregeln.
Tinette Schnatterer
Mitglied im SAV-Bundesvorstand und Kandidatin für den
BundessprecherInnenrat von Linksjugend[‘solid]
Eine kämpferische, aktive, sozialistische Jugendorganisation ist heute
so nötig wie nie zuvor. Mit Linksjugend[‘solid] besteht die Chance, eine
Kraft aufzubauen, die kommende Proteste und Jugendbewegungen organisiert
und ein Programm anbietet, wie der Kapitalismus gestürzt und eine
sozialistische Gesellschaft erkämpft werden kann.
Von der neoliberalen Politik sind Jugendliche gleich doppelt betroffen.
Ausbildungsplatzmangel, Studiengebühren, verschlechterte
Arbeitsbedingungen – und gleichzeitig ist es unsere Zukunft, die verbaut
wird. Ein dramatisches Beispiel, wie weit die Perspektivlosigkeit
bereits geht, waren die Schlagzeilen um die Fröbelschule in
Wattenscheid. Nachdem in den letzten drei Jahren nur zwei Schüler einen
Ausbildungsplatz bekommen hatten, zog der Direktor folgende Konsequenz:
„Ich bereite meine Schüler auf das vor, was sie nach der Schule erwartet
– die Arbeitslosigkeit.“ Statt Lehrplan wird dort gelernt, wie groß die
Wohnung eines Hartz-IV-Empfängers sein darf und wie man einen
Ein-Euro-Job bekommt. Eine solche Gesellschaft können wir uns nicht
bieten lassen!
Bei vielen Gelegenheiten haben Jugendliche unter Beweis gestellt, dass
sie bereit sind zu kämpfen: beim Protest gegen den G8-Gipfel, gegen
Studiengebühren oder durch ihre Beteiligung bei betrieblichen Protesten.
Um erfolgreich zu sein, müssen wir die Proteste von Beschäftigten und
Jugendlichen verbinden. Die Arbeiterklasse, zu der alle gehören, die auf
Lohnarbeit angewiesen sind, hat mit Streiks nicht nur das überzeugendste
Druckmittel (wovon uns der Lokführerstreik zumindest eine kleine
Vorstellung vermittelt hat). Ihre Stellung in der Wirtschaft bringt sie
auch in die Lage, den Kapitalismus abzuschaffen. Linksjugend[‘solid]
muss Streiks deshalb nach allen Möglichkeiten unterstützen und wo immer
die Gelegenheit besteht, gemeinsame Aktionen von Jugendlichen und
Beschäftigten initiieren. Wenn es zu Streiks kommt, können wir nicht nur
Streikposten unterstützen, sondern zum Beispiel auch einen Jugendblock
auf Demonstrationen organisieren und Vorschläge zur aktiven
Unterstützung der Streiks in DIE LINKE einbringen. Während der
Warnstreiks im Öffentlichen Dienst hat Linksjugend[‘solid] Stuttgart zum
Beispiel Solidaritätsflugblätter verteilt. Aktuell müssen wir die
KollegInnen bei der BVG Berlin, bei der Post oder im Einzelhandel
unterstützen.
Auch sonst müssen wir in den nächsten Monaten kämpferische Kampagnen und
Aktionen auf die Beine stellen. Ich unterstütze den Vorschlag einer
bundesweiten Mobilisierung gegen den „Anti-Islam-Gipfel“, der im
September von rechtsextremen Kräften in Köln organisiert wird, und die
Idee einer Gegenkonferenz.
Die Wahlerfolge müssen von der LINKEN genutzt werden, um Widerstand auf
der Straße, an den Unis und in den Betrieben zu organisieren, kurz Druck
aufzubauen, damit unsere Forderungen erkämpft werden können. Eine
Beteiligung an Regierungen der Sozialabbauparteien schwächt die
Glaubwürdigkeit der gesamten Linken. Der „rot-rote“ Senat in Berlin hat
Stellen gekürzt, Tarifflucht begangen, Gelder für Sozial- und
Jugendprojekte gestrichen und so weiter. Linksjugend[‘solid] muss sich
deshalb für ein sofortiges Ende dieser Regierungsbeteiligungen in der
LINKEN einsetzen. Einen Eintritt in eine Regierung durch DIE LINKE darf
es nur geben, wenn diese Regierung die Interessen der arbeitenden
Bevölkerung gegen die der Kapitalisten verteidigt, Beschäftigte und
Erwerbslose in jeder Auseinandersetzung mit den Herrschenden mobilisiert
und sich die Abschaffung des Kapitalismus zum Ziel setzt.
Selbst die deutschen Bischöfe fühlten sich gezwungen, in ihren
Osterpredigten einen „sich überschlagenden Kapitalismus“ zu kritisieren.
Dies ist nichts anderes als ein Ausdruck der wachsenden Wut von mehr und
mehr Menschen auf die kapitalistische Ausbeutung. Das Problem ist aber
nicht ein „Raubtierkapitalismus“ (Lafontaine), „Turbokapitalismus“
(Rüttgers) oder „Karawanenkapitalismus“ (Steinbrück). Mit diesen
Begriffen soll uns vorgegaukelt werden, ein sozialer Kapitalismus sei
möglich. Linksju-gend[‘solid] und auch DIE LINKE brauchen ein Programm,
das erklärt, dass heute für die Profite weniger Kapitalisten produziert
wird und dass die Mehrheit der Bevölkerung darunter leidet. Die einzige
Chance, dauerhaft gegen Armut, Umweltzerstörung und Krieg vorzugehen,
ist deshalb, den Kapitalismus abzuschaffen und durch eine sozialistische
Gesellschaft zu ersetzen, in der die Banken und Konzerne in öffentliches
Eigentum überführt sind und im Interesse der Menschen demokratisch
kontrolliert und verwaltet werden. Eine solche Gesellschaft hat folglich
nichts mit den stalinistischen Staaten in Osteuropa und der DDR
gemeinsam. Der Kampf für Sozialismus beginnt dabei nicht in weiter
Ferne, sondern hier und jetzt – wenn Betriebe geschlossen, Schulen dicht
gemacht werden oder im Sozialbereich gekürzt werden soll. Dann müssen
wir für Umverteilung von oben nach unten eintreten, für öffentliche
Investitionsprogramme, finanziert von den Reichen, beziehungsweise für
die Überführung von Betrieben in öffentliches Eigentum. Dabei gilt es,
den Kampf für solche Forderungen mit dem Kampf für eine radikal andere,
sozialistische Gesellschaft zu verbinden.
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