Debatte: Neue antikapitalistische Partei in Frankreich
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 72, September 08, Neue Linke - international, Europa, Debatte, veröffentlicht: 22.09.2008
Was für ein Programm braucht die neue Partei?
Zwei Beiträge von François Duval, Mitglied der
Nationalen Leitung der Ligue communiste révolutionnaire (LCR), und Virginie
Prégny, Mitglied im nationalen Vorstand von Gauche
révolutionnaire
Die LCR – eine Organisation mit einem trotzkistischen Anspruch,
deren Kandidat Olivier Besancenot bei der Präsidentschaftswahl 2007 über
vier Prozent der Stimmen erhielt – will sich Ende dieses Jahres auflösen
und eine neue antikapitalistische Partei gründen.
Welche Strukturen, welche Politik, welches Programm sollte diese
neue Formation haben? Wofür sollten revolutionäre SozialistInnen
eintreten? Die LCR wirft weitreichende Fragen zum Grundverständnis von
MarxistInnen auf. So erklärte Besancenot kürzlich: „Wir denken, dass der
historische Zyklus, der 1917 mit der Russischen Revolution begonnen hat,
1989 zu Ende gegangen ist.“ Und weiter: „Die Russische Revolution kann
nicht länger der Bezugspunkt bleiben, der sie für alle revolutionären
Gruppen ein Jahrhundert lang war.“
François Duval, Mitglied der Nationalen Leitung der Ligue communiste
révolutionnaire (LCR):
Die antikapitalistischen Kräfte zusammenbringen
Ungefähr 800 Delegierte, die mehr als 300 Kollektive repräsentierten,
sind Ende Juni in Paris zu dem ersten nationalen Treffen der Kollektive
für eine neue antikapitalistische Partei zusammengekommen. Diese
Versammlung zeugt von dem Echo, das der Aufruf von Olivier Besancenot
und der LCR vor ungefähr einem Jahr ausgelöst hat.
Diese politische Initiative beruht auf einer dreifachen Feststellung.
Trotz der Schläge, die die Arbeiterklasse und die ärmere Bevölkerung auf
sozialer und auf politischer Ebene seit 25 Jahren hat einstecken müssen,
wird die neoliberale Politik weiterhin in Frage gestellt, der Wind des
Widerstands weht nach wie vor. Aber diese sozialen Bewegungen,
gelegentlich auf Massenebene, haben keine politische Entsprechung. Und
das ist die zweite Feststellung: der unerbittliche Niedergang der
Französischen Kommunistischen Partei (PCF) und das immer stärker
ausgeprägte Abdriften der Sozialistischen Partei (PS) zum
Neoliberalismus machen einen politischen Raum frei, Raum für eine echte
und antikapitalistische Linke, für eine neue Vertretung der Welt der
Arbeit. Und, dritte Feststellung, die Ergebnisse, die Olivier Besancenot
und die LCR bei der Präsidentschaftswahl 2007 unter besonders
schwierigen Bedingungen erhalten haben – während die Parteien links von
der PS einen dramatischen Rückgang zu verzeichnen hatten – übertragen
der LCR eine besondere Verantwortung: nämlich eine Initiative auf der
Höhe der politischen Herausforderungen zu ergreifen.
Versuche, die radikale und antikapitalistische Linke zusammenzubringen,
sind nicht völlig neu; doch sind die vorausgegangenen Bemühungen, die
„von oben“ initiiert worden sind, über Debatten mit verschiedenen
Strömungen der kritischen Linken (darunter die PCF) gescheitert. Dieses
Mal geht es um einen Ansatz an der Basis, „von unten“. Damit ist
verbunden, dass es schwierig ist, jetzt bereits anzugeben, wie das
politische Programm und die Eckpunkte der neuen Partei aussehen werden:
Darüber zu befinden, wird Sache all derjenigen sein, die sich an diesem
Prozess beteiligen, weil sie sich nicht mehr durch die Parteien der
traditionellen Linken vertreten fühlen und auf der Suche nach einem
neuen Instrument sind, um ihre Kämpfe in eine größere Perspektive zu
stellen. Denn es geht darum, viele zusammenzubringen, weit über die
erklärten Sympathisantinnen und Sympathisanten der revolutionären Linken
hinaus: SozialistInnen, KommunistInnen, ökologisch Engagierte,
Antiliberale, AktivistInnen der sozialen Bewegung (der Gewerkschafts-,
feministischen, ökologischen, globalisierungskritischen
Alternativ-Bewegungen), Aktive aus unterschiedlichen politischen
Traditionen und vor allem Neue ohne politische Tradition.
Wir starten jedoch nicht beim Nullpunkt: In den politischen Kampagnen
der revolutionären Linken und vor allem in den sozialen Mobilisierungen
haben sich Forderungen und Bestrebungen herausgebildet. Es geht darum,
sie in einen Zusammenhang und eine Perspektive zu stellen: Umverteilung
des Reichtums, Verbot von Entlassungen, Verteidigung und Ausweitung der
öffentlichen Dienste, kollektive Aneignung der Schlüsselsektoren der
Wirtschaft, soziale Gleichheit und Kampf gegen alle Formen von
Unterdrückung und Diskriminierung und so weiter. Gepaart mit dem Willen
zu uneingeschränkten Angriffen auf das System, das Ausbeutung und
Unterdrückung hervorbringt.
Damit ist das, was die revolutionäre Linke traditionell unter einem
politischen Programm versteht, nicht vollständig abgedeckt, nämlich eine
globale Sicht der Welt und eine Interpretation der Geschichte sowie eine
ganz bestimmte revolutionäre Strategie. Wenn wir nicht von Neuem
Enttäuschungen bereiten wollen, müssen allerdings zwei Probleme von
Anfang an geklärt werden: Ablehnung von parlamentarischen oder
Regierungskoalitionen oder -bündnissen mit der PS sowie die absolute
Priorität auf die soziale Bewegung gegenüber den Aktivitäten in den
Institutionen.
Das umreißt immerhin ein recht präzises Projekt: eine Partei für den
Kampf, eine antikapitalistische Partei für die Revolutionierung der
Gesellschaft, eine Partei für den Selbstverwaltungssozialismus und vor
allem eine neue politische Vertretung, die von denjenigen selber
aufgebaut wird, die sie benötigen. Der Bezug der neuen Partei auf die
revolutionären Erfahrungen der Vergangenheit wird wahrscheinlich offen
und weiter in der Diskussion bleiben. Was die LCR angeht, sie hat vor,
sich weiterhin mit diesen revolutionären Erfahrungen zu befassen:
natürlich mit dem russischen Oktober 1917, aber auch mit der Pariser
Commune, der deutschen Revolution, der spanischen Revolution, Nicaragua,
Chiapas, dem gegenwärtigen Prozess in Venezuela und vielen anderen. Und
zwar mit dem Willen zu studieren, was geklappt hat, aber auch, was
misslungen ist. Denn es geht in der Tat um zu studierende Erfahrungen,
nicht um zu kopierende Modelle. Nach dem Scheitern des Stalinismus und
der Sozialdemokratie ist der Sozialismus des 21. Jahrhunderts neu zu
erfinden. Und er wird in den gegenwärtigen Kämpfen schon erfunden!
Virginie Prégny, Mitglied im nationalen Vorstand von Gauche
révolutionnaire:
Für eine neue sozialistische Arbeiterpartei
In Frankreich, wie in den meisten anderen Ländern, fehlt – konfrontiert
mit der neoliberalen Offensive – eine starke politische
Interessenvertretung für die arbeitende Bevölkerung. Nach der
Ankündigung der LCR, eine neue antikapitalistische Partei gründen zu
wollen, hat Gauche révolutionnaire (die französische Sektion des CWI)
von Anfang an bekundet, sich an dieser Herausforderung zu beteiligen und
sich in die Diskussionen um ihre Gründung eingebracht.
Die Radikalisierung der Beschäftigten und Jugendlichen in Frankreich hat
sich sowohl in mehreren Kämpfen als auch auf Wahlebene gezeigt: so
konnten die zwei größten Organisationen, die sich trotzkistisch nennen,
Lutte Ouvrière und LCR, sehr gute Ergebnisse erzielen (fast zehn Prozent
bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl 2002 und fünf Prozent
2007). Die Bedingungen, eine neue kämpferische Partei zu gründen, sind
seit geraumer Zeit vorhanden. Zahlreiche Gelegenheiten wurden bislang
verpasst.
Die Wahl von Sarkozy bedeutete eine entscheidende Niederlage für die SP.
Diese war bemüht, sich bei den Herrschenden als eine Kraft anzudienen,
die den Kapitalismus besser verwalten kann, als die Kapitalisten selber.
Dadurch hat sie ihr wahres Gesicht gezeigt und sich von den ärmeren
Schichten isoliert. Das Fehlen einer politischen Opposition zu Sarkozy
schreit nach der Gründung einer neuen Partei. Einer Partei, die die
Beschäftigten um ein kämpferisches Programm sammelt, und deren
demokratische Struktur es ermöglicht, über eine sozialistische
Alternative zu diskutieren.
Der Zusammenbruch des Stalinismus und die Verbürgerlichung der
sozialdemokratischen Parteien hat die Arbeiterklasse auf der politischen
Ebene entwaffnet. Die Verwirrung, die das seit den neunziger Jahren
ausgelöst hat, erschwerte den Widerstand; auch wenn es bedeutende
Abwehrkämpfe gab. Gegenwehr wird verkompliziert durch die bremsende
Rolle der Gewerkschaftsspitzen und deren ständige Suche nach
Kompromissen mit den Arbeitgebern. Vor allem aber fehlt es an einer
Alternative zur Logik des Kapitalismus. Um eine Antwort auf die Fragen
zu geben, die sich mit der Krise dieses Systems stellen, braucht es eine
neue kämpferische Partei. Eine Partei, die einen Katalog von Forderungen
und schließlich ein Programm entwickelt, das den Beschäftigten einen Weg
weist, ihre Abwehrkämpfe wirksam zu führen und das zudem die
Kapitalherrschaft grundsätzlich in Frage stellt.
Die momentan vorgeschlagenen programmatischen Punkte und die
Funktionsweise der Komitees für eine neue antikapitalistische Partei
bieten keine Antwort auf die brennenden Fragen. Auf der einen Seite wird
eine sozialistische Perspektive nicht als zentral für die neue Partei
betrachtet. Andererseits bieten die Treffen, die bisher stattgefunden
haben, selten die Möglichkeit, kollektive Entscheidungen zu treffen, da
in den meisten Fällen nicht mal Abstimmungen stattfinden. Es ist
selbstverständlich sinnvoll, dass die Gründungsphase vor allem eine
Diskussionsphase ist, aber die gegenwärtige Vorgehensweise führt zu
einer Verzögerung des gesamten Prozesses, einschließlich der Klärung der
programmatischen Inhalte.
Um der kapitalistischen Ausbeutung ein Ende zu bereiten, ist eine
demokratische Planwirtschaft nötig – auf Grundlage des Gemeineigentums
an den Produktionsmitteln, unter der demokratischen Kontrolle und
Verwaltung durch die Beschäftigten selber. Von einem „Verbot von
Entlassungen“ zu sprechen, ohne zu sagen, wer das kontrollieren soll,
ist nicht hilfreich, wenn es darum geht, die nötigen Schritte
aufzuzeigen, um die kapitalistischen Verhältnisse überwinden zu können.
Die notwendigen politischen Klärungen müssen Hand in Hand gehen mit
einem engagierten Eingreifen in die Kämpfe. Es braucht in der neuen
Partei Strukturen, die es allen ermöglichen, sich einzubringen, und
sicherstellen, dass Entscheidungen wirklich demokratisch und kollektiv
gefällt werden. Zudem ist es unabdingbar, dass allen politischen
Strömungen, sowohl auf örtlicher als auch auf nationaler Ebene, das
Recht zugestanden wird, sich öffentlich zu äußern.
Schließlich reicht es nicht aus, wenn die Partei erklärt, die
Gesellschaft „revolutionieren“ zu wollen, um eine wirkliche Hilfe im
Kampf für die Abschaffung des Kapitalismus zu sein. In diesem Kontext
erscheint uns das Beispiel der russischen Oktoberrevolution von 1917 –
als die Arbeiter sich in Räten organisierten - nach wie vor als das
wichtigste Vorbild, auf das sich Revolutionäre heute beziehen müssen.
Das heißt natürlich nicht, andere Revolutionen oder revolutionäre
Situationen zu ignorieren. Aber die entscheidende – und für heute
weiterhin gültige – Lehre von 1917 besteht darin, dass der Kapitalismus
nur durch die Machtübernahme der Arbeiterklasse erfolgreich gestürzt
werden kann. Nur so werden die Voraussetzungen zum Aufbau einer
sozialistischen Gesellschaft geschaffen. Genau das muss sich auch heute
eine antikapitalistische Partei zum Ziel setzen.
Gauche révolutionnaire wird sich weiterhin konstruktiv am Aufbau der
neuen Partei beteiligen und dabei die marxistischen Ideen für eine
sozialistische Alternative zum Kapitalismus verteidigen.
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