Die andauernde Krise des globalen Kapitalismus
[Druckversion] Thema: Marxismus, CWI/KAI, veröffentlicht: 21.01.2010
Politische, soziale und ökologische Folgen und Aufgaben für die
Arbeiterbewegung - Stellungnahme des internationalen Vorstands vom
Committee for a Workers’ International (Komitee für eine
Arbeiterinternationale, CWI)
Die folgende Erklärung des CWI wurde auf dem letzten Treffen des
Internationalen Exekutivkomitees (IEK) in Belgien vom 2.-8. Dezember
2009 verabschiedet. Dieses sehr erfolgreiche Treffen brachte über 70
VertreterInnen aus Europa, Russland, Asien, Zentralasien, Latein- und
Nordamerika und Afrika zusammen.
Nach wie vor sind die arbeitenden und verarmten Massen von der
andauernden Wirtschaftskrise des Weltkapitalismus betroffen. Für den
Kapitalismus gibt es keinen schnellen oder einfachen Weg aus der größten
Krise seit den 1930ern. Die Folgen der kolossalen Finanzblase, oder den
Finanzblasen, die den Kapitalismus in die ökonomische Stratosphäre zu
befördern schienen – vom „Paradigmenwechsel“ war die Rede - stellen
jetzt ein massives Hemmnis für eine nachhaltige ökonomische
Wiederbelebung dar. Die „Erholung” wird sehr schwach sein und könnte nur
kurz andauern. Das CWI stellte auf der letzten IEK-Sitzung fest, dass
die Kapitalistenklassen aus den Erfahrungen der Großen Depression
gelernt haben und Himmel und Hölle in Bewegung setzen werden, um ein
ähnliches Ergebnis in der heutigen Zeit zu verhindern. Diese
Einschätzung wurde bestätigt. Die Rettungspakete für das Finanzsystem,
die sich weltweit auf 14 Billionen US-Dollar belaufen – beinahe so viel,
wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der wichtigsten und mächtigsten
Volkswirtschaft weltweit, den USA – verbunden mit „quantitativen
Lockerungen” und den „Abwrackprämien” hatten einen gewissen abfedernden
Effekt auf den Abschwung, haben aber die grundlegenden Probleme nicht
gelöst.
Die Weltwirtschaftskrise hat eine neue Ära für den Kapitalismus, die
Arbeiterklasse und die Kräfte des CWI eröffnet. Bedeutsame Kämpfe der
Arbeiterklasse und der Jugend fanden in einer Reihe europäischer Länder
statt. In Großbritannien stellten die Streiks und Besetzungen bei
Lindsey, Linamar, Visteon, Vestas und bei der Post eine wichtige
Veränderung dar. In Irland illustrierten Streiks der
Elektrizitätsarbeiter, im öffentlichen Dienst, bei Coca Cola, bei den
Häfen und in anderen Bereichen, wie explosiv die Situation werden kann.
In Frankreich zeigten das „Bossnapping”, die Betriebsbesetzungen und
zwei nationale Streiks, welche Stimmung unter der Oberfläche existiert.
In Griechenland spiegelten die Generalstreiks und eine Jugendbewegung
das wider. Zusammen mit den Jugendbewegungen in Deutschland und
Österreich illustrieren diese und andere Proteste die Bereitschaft der
Arbeiterklasse und der Jugend zu kämpfen, wenn sie mit Angriffen der
herrschenden Klasse konfrontiert werden.
Aber das Fehlen einer klaren sozialistischen Alternative für die Massen
und die konservative und feige Rolle der Gewerkschaftsbürokratie haben
die Entwicklung dieser Kämpfe in der jetzigen Phase, zumindest für eine
Weile, beschränkt. Doch die Lage, vor der der Kapitalismus steht, wird
dafür sorgen, dass neue Phasen der Kämpfe der Lohnabhängigen und der
Jugend gegen die Auswirkungen der Krise größere Möglichkeiten für die
Arbeiterklasse und das CWI bieten werden.
Die historische Analyse des CWI, dass der Kapitalismus bereits seit fast
30 Jahren mit den Merkmalen einer Depression behaftet ist, wird nun von
einigen Ökonomen anerkannt. Mit der - durch den niedrig gehaltenen
Anteil der Arbeiterklasse am Reichtum - geschwächten Nachfrage, der
besonders in der Industrie sinkenden Rentabilität und den dadurch
eingeschränkten profitablen Investitionsfeldern, wurde als Ausweg der
Finanzmarkt und mit ihm der Kreditsektor massiv aufgebläht. Die
neoliberalen Maßnahmen der Deregulierung der Finanzmärkte und der
Privatisierung beförderten diesen Prozess. Eine zusätzliche
Beschleunigung erfuhr diese Entwicklung durch den Zusammenbruch des
Stalinismus und dem Ende der geplanten Ökonomien, was neue
Investitionsfelder und Absatzmärkte eröffnete – obwohl das sehr begrenzt
war und nicht an das heranreichte, was zur Zeit des Falls der Berliner
Mauer erwartet wurde. Dies verstärkte den Anschein einer bemerkenswerten
Expansion des Kapitalismus. Aber die wirklich neue Werte schaffenden
Wirtschaftszweige der entwickelten Industrieländer schrumpften und
wurden in die ex-stalinistischen Länder und die neokoloniale Welt
verlagert.
Dies führte nicht zu einer substantiellen Expansion des Kapitalismus,
schon gar nicht auf dem Niveau des strukturellen Aufschwungs von
1950-75. In der Tat diente der Zusammenbruch des einzigen Rivalen des
Weltkapitalismus im Kampf um die Hegemonie – des Stalinismus, besonders
in Russland – dazu, die grundlegenden Probleme der Stagnation zu
verschleiern. Nicht die Industrie, sondern der Finanzsektor erfuhr eine
Stärkung. Zum Beispiel ist die Zahl der Arbeitsplätze in der Industrie
in den USA während dieser Krise von der bereits geringen Zahl von 17
Millionen auf katastrophale 12 Millionen gesunken. Als Ergebnis wurden
die bereits ausgeprägten protektionistischen Maßnahmen in den USA weiter
verstärkt, nachdem Gewerkschaften in der Automobil- und Stahlindustrie
Zölle für Produkte aus dem Ausland, besonders Asien, forderten. Ähnliche
protektionistische Stimmungen sind auch in Europa bezüglich der
negativen Folgen der Probleme von General Motors sichtbar. Folglich fand
in den entwickelten Industrieländern eine Deindustrialisierung statt.
Die Ironie ist, dass die jetzige Weltwirtschaftskrise die grundlegenden
Schwächen, die der Kapitalismus über eine lange Zeit entwickelte,
offenbart – ebenso, wie die Krise, die in den stalinistischen Staaten
und besonders in der DDR existierte, bis zum Zusammenbruch verborgen
blieb.
Der Finanzsektor als „Rettungsleine“ für den Weltkapitalismus hat in
dieser Krise fast einen Todesstoß erlitten, obwohl die Existenz des
Kapitalismus ohne ein entwickeltes Kreditsystem unvorstellbar ist. Aber
dieser Sektor wird jetzt im Gegensatz zur momentan favorisierten
Industrie als „sozial nutzlos” betrachtet, wie es Adair Turner, ein
britischer Wirtschaftsboss ausdrückte. In Wirklichkeit wird der
Kapitalismus als ganzes von seinen Opfern, der Arbeiterklasse und
besonders den Erwerbslosen und Armen, zunehmend als „sozial nutzlos”
angesehen. Die zwei Ökonomen Barry Eikengreen und Kevin O"Rourke haben
die Große Depression der 30er mit der „Großen Rezession” heute
verglichen und sind zum Schluss gekommen, dass die momentane
wirtschaftliche Situation bisher in weiten Teilen den Ereignissen von
1929-1933 entspricht.
In der US-Wirtschaft wurden in den letzten zwei Jahren acht Millionen
Jobs abgebaut. Obamas Konjunkturprogramme, die bereits zur Hälfte
umgesetzt sind, haben einen moderaten Aufwärtsknick von einer Million
geschaffener Jobs zur Folge. In Großbritannien beträgt das Volumen der
„quantitativen Lockerungen” der Brown-Regierung bereits 200 Milliarden
Pfund - trotzdem ist ein Teil der herrschenden Klasse in Panik aufgrund
der bisherigen Ineffektivität und drängt dazu, weitere 25 Milliarden
Pfund auszugeben, um die britische Wirtschaft aus dem „Bermuda-Dreieck”
herauszubringen. Dies wird aber gemeinhin als das „Limit”, die „Letzte
Option”, der letzte mögliche Versuch, die britische Ökonomie zu retten,
angesehen. Es ist nicht sicher, ob es tatsächlich Erfolg hätte. Die
Alternative der „Regierung in Wartestellung“ (Camerons Tories) – nämlich
die Axt an die öffentlichen Ausgaben zu legen und das Haushaltsdefizit
zusammenzustreichen – würde nicht nur jede Chance auf Erholung
ersticken, es würde auch die größten sozialen Kämpfe in Großbritannien
seit der Periode vor dem Generalstreik 1926 hervorrufen.
Unter dem Strich hat der Weltkapitalismus die riesigen Schulden des
privaten Sektors, der Banken und der Finanz“plutonomie” auf die
Schultern des Staats verlagert. Dies hat riesige Klassenopposition und
die Forderung nach einer Bestrafung der „Bankster” [=Bank-Gangster]
aufgeheizt. Ihre Lasterhaftigkeit und Schwelgerei haben die gegenwärtige
Wirtschaftskrise verschärft, die das Leben von Millionen Angehörigen der
Arbeiterklasse erschwert hat. Aber anders als in der Sparkassenkrise in
den USA in den 1980ern, als über tausend Banker vor Gericht gezerrt und
eingesperrt wurden, wurden kürzlich selbst die beiden Chefs von Bear
Stearns, die wegen Finanzvergehen vor Gericht standen, freigesprochen.
Die Lage wird noch weiter dadurch verschärft, dass die seitens der
Regierungen den Banken freigebig zur Verfügung gestellten Mittel nicht
zur Ausweitung von Kreditlinien an Not leidenden Branchen, (also nicht
an die „kleinen Fische“ von Kleinunternehmen und Banken gingen), genutzt
wurden. Über hundert kleine Banken sind allein in den USA Pleite
gegangen. Stattdessen haben die „Bankster” die Regierungsgelder zur
Sanierung ihrer Banken fokussiert, riesige Bonusse gezahlt (nur 117
Banker sind von Obamas Forderung nach einer Beschränkung der Boni
betroffen) und eine neue Orgie von Spekulation und Finanzseifenblasen in
der neuen heftigen Devisenspekulation losgetreten. In der Situation nach
dem Crash führte das zu einer Rückkehr der „Risikobereitschaft” –
derselben Suche nach höheren „Erträgen” - was zu der finanziellen
Kernschmelze führte.
„Doppeltes Eintauchen”
Diese Akkumulation „riskanter Vermögenswerte” könnte, wie Nouriel
Roubini warnte, zu einer noch größeren Finanzkrise führen als der, die
dem wirtschaftlichen Zusammenbruch voraus ging. Daher stimmen jetzt
ernsthaftere Teile der bürgerlichen Ökonomen mit dem CWI überein, dass
ein doppeltes Eintauchen auf die eine oder andere Art – in „L“-, „W“-
oder „Saxofon“-Form – wahrscheinlicher ist. Manche haben jetzt die Lage
mit dem „Bungee-Springen” verglichen: „Die Wirtschaft fällt eine Klippe
herunter. Die Tätigkeit fällt tief. Dann gibt es eine Erholung. Eine
Weile lang sieht die Erholung sehr gut aus und es fällt den Ökonomen
leicht genug, bei ihrem einfachen Denken zu bleiben. Aber die Wirtschaft
kehrt nie zur Normalität zurück; stattdessen baumelt sie weiterhin an
einem Faden.” Das aus der vorigen Periode ererbte „grüne Unkraut” und
nicht das unmittelbare Sprießen „grüner Triebe” werden vorherrschen und
einen wirklichen Aufschwung behindern. Obwohl die Regierungen der Welt
den Finanzsektor in eine „Unfall-Notaufnahme“ bringen, ist der Patient
weit von einer wirklichen „Erholung” entfernt. Zum Beispiel gibt es eine
massive Akkumulation von Kreditausfallversicherungen (Credit Default
Swaps, CDS) in den Büchern der Banken. Gleichzeitig haben die
amerikanischen Verbraucher – der Markt des „letzten Auswegs“ und immer
noch der größte der Welt – Ersparnisse von durchschnittlich 4% des BIP
aufgebaut, werden aber verleitet, in diese „riskanten Vermögenswerte” zu
investieren, die eine neue Blase schaffen und zu einer weiteren
Vertiefung der verheerenden sozialen Auswirkungen der Krise auf die
amerikanische Bevölkerung führen.
Im Moment scheinen die US- und europäischen Ökonomien technisch aus der
Rezession zu kommen. Aber es „fühlt sich immer noch wie eine tiefe Krise
an”, wie es die Financial Times ausdrückt. Die Aktienkurse haben
zugelegt, ebenso der Ölpreis. Es gibt einen Ansturm auf Sicherheit und
„Qualität” durch Investitionen in Gold und Rohstoffen. Es gibt eine
gewisse Wiederbelebung in den „BRIC”-Wirtschaften [Brasilien, Russland,
Indien, China] – besonders Brasilien und China, die beträchtliche
Wachstumsraten erlebt haben. Ein Anstieg der brasilianischen Währung,
dem Real, hat dazu geführt, dass die Lula-Regierung Maßnahmen zur
Besteuerung des Zuflusses von spekulativem Kapital ergriffen hat. Das
chinesische Regime – mit seinem großen Staatssektor – konnte die
erfolgreichsten Konjunkturmaßnahmen durchführen, die zu einem scheinbar
erheblichen Wachstum führten. Obendrein hat Peking eher auf eine
Stärkung des Staatssektors gedrängt, während die Privatwirtschaft in
diesem Wachstum eine beschränkte Rolle gespielt hat. Gleichzeitig bläht
sich eine chinesische Finanzblase auf, die jeder Zeit platzen könnte,
was auf die „Realwirtschaft” zurückwirken würde.
In jedem Fall wird der Versuch, die Weltwirtschaft „wieder ins
Gleichgewicht zu bringen“, eine Totgeburt sein. China, Indien und andere
„Wachstums”länder können die Lücke nicht füllen, die aus dem Schrumpfen
des US-Konsums und seines kolossalen Schuldenüberhangs resultiert.
Gleichzeitig ist die vom Internationalen Währungsfonds lancierte Idee,
dass die chinesische Währung, der Renminbi, den Dollar als eine
Weltreservewährung entweder ersetzen könne oder parallel zu ihm
fungieren könne, ein Rohrkrepierer. Der Renminbi könnte als Tauschmittel
zwischen China und Ländern in Afrika, Lateinamerika und Asien dienen,
die es in einen Handelsblock zu ziehen versucht. Sonderziehungsrechte
(Special Drawing Rights) werden auch als eine Alternative lanciert. Aber
die US-Wirtschaft bleibt die bei weitem vorherrschende und stärkste
Wirtschaft des Weltkapitalismus und – trotz aller Gefahren und
Komplikationen – wird der Dollar immer noch gezwungen sein, als Währung
der Welt zu fungieren. Er ist im Oktober 2009 auf ein 14-Monate-Tief
gefallen. Dies hat die Konkurrenzfähigkeit der US-Industrie, aber auch
von China erhöht, weil der Renminbi an den Dollar gekoppelt ist. Dies
geht auf Kosten des Rests der Welt. Der Dollar könnte zwar nicht jetzt
durch eine einzige konkurrierende Währung ersetzt werden, aber es ist
möglich, dass ein Währungskorb, in dem der Euro und der Renminbi
wesentliche Rollen in den Devisenreserven der nationalen Regierungen
spielen würden, neben ihm arbeitet. Aber es ist unwahrscheinlich, dass
die Wirtschaft „wieder in ein Gleichgewicht“ kommt, das die am stärksten
exponierten Länder und Regionen von den fortwirkenden chronischen
Wirkungen der Krise retten könnte.
Dies ist besonders der Fall in Mittel- und Osteuropa, wo der Unterschied
zwischen einer „Rezession” und einer „Depression” akademisch ist. Laut
der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung wird der
Durchschnitt im Fall des BIP von „Übergangsländern” 2009 6,2% sein. Aber
der Rückgang unterscheidet sich stark, der tiefste Fall ist 18,4% in
Litauen, 16% in Lettland, 14% in der Ukraine und 13,2% in Estland, die
von Martin Wolf von der Financial Times als „Depressionszahlen”
bezeichnet werden. Slowenien wird um 6,5% schrumpfen, die Slowakei um 6%
und die Tschechische Republik um 4,3%. Ungarn liegt auch am Boden: nicht
nur die Arbeiterklasse, sondern auch die Mittelschicht ist in
Verelendung gestürzt. „Es ist eine Katastrophe. Alles ist unter einem
Froscharsch”, beschwerte sich ein ungarischer Bauarbeiter gegenüber dem
„Guardian” und wollte damit sagen, dass es nicht schlimmer werden könne.
Russland wird nach den „glorreichen Zeiten” der empor schnellenden
Ölpreise in die dunklen Tage der unmittelbaren nach-stalinistischen
Periode der frühen 1990er Jahre gestürzt. Ganze Städte wie Togliatti –
„Mono-Städte”, die von der Herstellung eines Produkts abhängig sind –
sind von der „Schließung” und der Entlassung von Zehntausenden bedroht.
Das bonapartistische Regime von Medwedjew und Putin – mit einem dünnen
„Überzug“ von „Demokratie” – wird in der nächsten Periode von Krisen
kaputt gehen.
Wo sind die wirtschaftlich produktiven Auswege für den Weltkapitalismus
in dieser chronischen lang gezogenen Krise? Tatsächlich haben
kapitalistische Regierungen angesichts von durchschnittlich 10%
Defiziten in den Staatshaushalten zur Axt gegriffen und Arbeitsplätze
und Dienstleistungen gestrichen. Die Hälfte der Krankenhäuser in
Lettland wurde schon geschlossen. Dies ist die nicht zu ferne
Zukunftsmusik für viele andere Länder, selbst in der „reichen” Welt.
Wenn man noch die riesige Einkommensungleichheit hinzunimmt – eine
Polarisierung zwischen den Klassen – und das Problem der Nachfrage, das
von den kapitalistischen Ökonomen allgemein beklagt wird, wird sich all
das verschärfen.
Aber die Kriterien für die Kapitalisten und, letztlich, für ihre
„Exekutivkomitees” – ihre Regierungen – sind nicht soziale Bedürfnisse
zu befriedigen, sondern Rentabilität zu verteidigen und zu steigern.
Daher wird diese Periode, wie wir bemerkt haben, nicht nur durch eine
Krise, sondern durch eine Reihe von Krisen charakterisiert sein, die
sich über Jahre erstrecken. Dies wird durch eine grundlegende Stagnation
der Produktivkräfte mit gelegentlich schwachen „Erholungen”
gekennzeichnet sein, aber möglicherweise in einer gewissen Phase mit der
Rückkehr von Inflation, Währungskrisen und riesigen Defiziten in
Staatshaushalten. Diese können nur durch gewaltige Angriffe auf den
Lebensstandard der Arbeiterklasse ausgeglichen werden.
Die Bürgerlichen wurden vom Beginn der Krise an erschüttert, von der sie
zu Unrecht behaupten, sie habe nur das vergangene Jahr gedauert. Aber
sie begann früher, 2007, und im US-Immobiliensektor schon davor und
führte dazu, dass ganze Volkswirtschaften und Branchen „über eine Klippe
fallen“. Sie fürchteten nicht nur um die wirtschaftliche Zukunft ihres
Systems und die riesige Kernschmelze, die drohte, aber auch vor den
sozialen Folgen und politische Rückwirkungen in einer Massenrevolte
gegen ihr System. Sie können nicht argumentieren, dass der Kapitalismus
in der Lage sei, seine Versprechungen zu erfüllen, ihr „moralischer
Kompass” ist zerschlagen, Millionen zahlen für die Folgen des Versagens
ihres Systems, und jetzt fallen sie auf ausgelutschte Argumente zurück.
Ihr früherer Tory-Premierminister Winston Churchill wurde aus der
Abstellkammer der Geschichte gezerrt, um ihr System zu rechtfertigen.
Der Kapitalismus stellt nicht mehr das „Ende der Geschichte” dar, aber
habe „sich wieder als das schlimmstmögliche System des
Wirtschaftsmanagement erwiesen – außer dass es keine Alternativen gibt.”
Sie können das in dieser Phase machen, weil das Modell des Stalinismus
gescheitert ist und ein alternativer, demokratisch-sozialistischer
Anziehungspol fehlt.
Zu dieser verheerenden Wirtschaftskrise muss die Krise hinzugefügt
werden, die sich in der Umwelt entfaltet. Die Klimakrise ist eng mit der
Wirtschaftskrise verbunden. Das IPCC hat argumentiert, dass die globale
Durchschnitts-Temperatur um 0,8 Grad seit Mitte der 19. Jahrhunderts
gestiegen sei. Bereits ausgestoßene Emissionen werden die Temperaturen
um weitere 0,9 Grad erhöhen – was zusammen einen Anstieg um 1,7 Grad
bedeutet. Die Folgen des von Wissenschaftlern und Politikern bei einer
Zunahme um 2 Grad Celsius festgelegten Obergrenze sind wohlbekannt:
Schmelzen des Nordpols und der Gletscher, ein Anstieg der Ozeanspiegel,
Ausbreitung von Wüsten, Trockenheiten und Wasserknappheit etc. Am
schlimmsten betroffen sind die ArbeiterInnen und die „kleinen Leute“
weltweit, besonders in armen Ländern. Der UN-Klimagipfel in Kopenhagen
im Dezember wird keine Lösungen bringen. Nationale und kapitalistische
Interessen sind unvereinbar mit den notwendigen weltweiten Maßnahmen und
mit Planung.
Der Kampf zur Rettung von Arbeitsplätzen und Lebensstandards
widerspricht nicht einer Lösung der Klimabedrohung. Im Gegenteil ist in
beiden Fällen das grundlegende Hindernis das kapitalistische System –
symbolisiert durch die Macht von Öl- und Energiegiganten ebenso wie der
Auto- und Flugzeugindustrien etc. Nur die Arbeiterklasse kann die
Gesellschaft umgestalten, um eine demokratisch-sozialistisch geplante
Wirtschaft zu schaffen, einschließlich der Konversion der
verschmutzenden Industrien in wirklich „grüne“. Die heutigen
zwischenimperialistischen Widersprüche wegen dem Klima können nur
überwunden werden, wenn eine wahrhaft internationalistische und
sozialistische Arbeiterbewegung das Klima rettet.
Heftige Unzufriedenheit, wachsende antikapitalistische Stimmung
Es gibt eine durchdringende Unzufriedenheit, eine wachsende
antikapitalistische Stimmung, unter den Massen. Der BBC-World-Service
stellte in einer Sonderumfrage fest, dass „Desillusionierung mit dem
Kapitalismus des freien Marktes grassiert”. Der Zusammenbruch der
Sowjetunion wird heute anders gesehen als 1989: „Mehrheiten in Ägypten,
Russland und der Ukraine sagen, dass der Zerfall [der Sowjetunion] eine
schlechte Sache war.” Mehr noch: „Man kann Brasilien, Indonesien und
Frankreich hinzufügen, wenn es um die Ansicht geht, dass die Regierungen
die Hauptwirtschaftszweige besitzen oder kontrollieren sollen.” Es liegt
an einer Reihe von Faktoren, dass sich dies bisher noch nicht zu einer
geänderten politischen Haltung auf Seiten der Massen mit einer
Wiederbelebung sozialistischer Ideen verfestigt hat. Auf der einen Seite
hofften die Massen zu Beginn dieser Krise wider besseres Wissen, dass
sie vorübergehend sei, dass ein nachhaltiger Aufschwung folgen werde und
die Lage vor der Krise wieder hergestellt werde. Gleichzeitig gab es
keinen Massenanziehungspunkt in Form von Massenparteien und Führungen,
die für „Sozialismus” in einem breiten Sinne eintraten, auch nur in der
Weise, in der das die geschicktesten Führer der Sozialdemokratie in
ihren Glanzzeiten tun konnten – entweder im Vorfeld des Ersten
Weltkriegs oder in der Periode wirklicher Reformen während dem
Aufschwung 1950-75.
Selbst die direkten politischen Folgen der 1930er Jahre waren anders als
das, was wir in den vergangenen achtzehn Monaten oder zwei Jahren erlebt
haben. Die Krise von 1929 betäubte die Arbeiterklasse auf der
betrieblich-gewerkschaftlichen Ebene, besonders in den USA. Aber selbst
da gab es eine politische Radikalisierung, die sich im Wachstum linker
Parteien wie der Kommunistischen Partei, sowohl unmittelbar nach dem
Börsenkrach von 1929 als auch während der 1930er Jahre widerspiegelte.
Die 1930er waren eine Periode von Revolution und Konterrevolution,
anders als das Bild, das manche Kommentatoren heute zeichnen. Es gab
eine Radikalisierung, tatsächlich einen revolutionären Aufschwung, der
in Spanien 1931 begann und zu den Ereignissen von 1936-37 führte, und in
Frankreich, wo die Auswirkungen der wirtschaftlichen Einbruchs etwas
verzögert waren. Dass die Faschisten in Deutschland und Spanien (Italien
war zwar der Prototyp für faschistische Regime) an die Macht kommen
konnten, war nur möglich, nachdem die Arbeiterklasse und besonders ihre
fehlerhafte Führung nicht die Macht übernehmen konnten.
Neue linke Parteien und Bündnisse
Bisher hat sich noch keine breite sozialistische Schicht in den
fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern oder in der unterentwickelten
Welt herauskristallisiert - ganz zu schweigen von den ex-stalinistischen
Staaten Osteuropas und der früheren Sowjetunion. Selbst die neuen linken
Organisation – DIE LINKE in Deutschland, SYRIZA in Griechenland und das
früher viel versprechende Experiment der P-SOL in Brasilien – haben sich
nicht in eine konsequent linke Richtung entwickelt. Ihre Führer haben
keine klare Vorstellung einer künftigen Gesellschaft des Sozialismus.
Selbst die NPA in Frankreich – initiiert von Trotzkistlnnen oder
Ex-TrotzkistInnen der Mandel-Strömung – hat kein klar
antikapitalistisches Programm entwickelt, ganz zu schweigen von der
Verbindung der gegenwärtigen explosiven Kämpfe in Frankreich mit der
Idee einer demokratisch-sozialistischen Umwälzung. In der Tat wird sich
in diesen Parteien die Idee des Regierungsbündnisses mit bürgerlichen
Parteien – die ein sehr unentwickeltes Stadium im Bewusstsein der Massen
und Mitglieder, die diesen Formationen anhängen, widerspiegelt –
zweifellos ändern. Die Peitsche der Ereignisse und die konsequente
Arbeit unserer Kräfte können zu einer Polarisierung in diesen Parteien
führen, wenn wir versuchen, sie nach links zu stoßen.
In manchen Ländern, wie Großbritannien und Griechenland, gibt es die
Vorstellung des „kleineren Übels” unter bedeutsamen Teilen der Massen.
In Großbritannien drängt die Furcht vor einer Rückkehr der Tories
ArbeiterInnen mit der Hilfe der rechten Gewerkschaftsführer zu der Idee,
eine Cameron-Regierung um jeden Preis zu verhindern, die offen als
„Torygeddon” (Tory-Armageddon) bezeichnet wird. Im Fall von Griechenland
war es die heftige Ablehnung von Nea Demokratia gemischt mit gewissen
Erwartungen, dass PASOK „besser” wäre. Das war so trotz der bitteren
Enttäuschung mit früheren PASOK-Regierungen. Die Hoffnungen einer
Schicht von ArbeiterInnen, dass eine PASOK-Regierung „besser” wäre, ist
nicht vergleichbar mit den Illusionen, die es in den 1970er und 1980er
Jahren in PASOK gab und den sozialen Wurzeln, die es damals hatte.
SYRIZA ist trotz seiner politischen Schwäche eine wichtige Kraft, an der
sich ernsthafte marxistische Kräfte beteiligen sollten. Gleichzeitig
müssen wir flexibel arbeiten und auch auf andere Möglichkeiten in der
Arbeiterklasse und Jugend reagieren.
Aber diese Formationen brauchen nicht das letzte Wort zu sein und manche
können sogar verschwinden. Dies ist zum Beispiel eine Möglichkeit im
Fall von P-SOL, die als die linkeste Formation begann, in die eine
breite fortgeschrittene Schicht große Hoffnungen setzte, dass sie als
linker revolutionärer Sammelpunkt dienen könne. Aber unter dem Einfluss
der Strömung einer ex-trotzkistischen Moreno-Tendenz in Verbindung mit
Ex-PTlern wird diese Partei vielleicht nicht einmal einen Kandidaten in
den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen aufstellen, sondern einen
grünen Kandidaten „kritisch” unterstützen! Aber selbst wenn diese
Formationen stagnieren oder verschwinden (ob Rifondazione Comunista in
Italien oder P-SOL) kann das viele der fortgeschritteneren Schichten der
Arbeiterklasse enttäuschen. Trotzdem wird das nicht die Notwendigkeit
von linken Massenformationen beseitigen, die Bestandteil dieser Periode
sind. Daher macht das CWI aus keiner politischen Formation einen
Fetisch. Wir versuchen, flexibel zu arbeiten und aktiv zu sein, aber wir
müssen da sein, wo die politisch offensten Schichten der ArbeiterInnen
und Jugend aktiv sind oder sich orientieren. Wir werden diese
Organisationen nicht aufgeben, bis sich gezeigt, dass sie nicht länger
„ihrem Zweck dienen” oder eine fortschrittliche Rolle spielen können.
Marx betonte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass eine
wirkliche Bewegung der Arbeiterklasse so viel Wert sei wie ein Dutzend
Programme. Wir müssen in dieser Periode dieselbe grundlegende
Herangehensweise an die Aufgaben der Arbeiterbewegung und besonders ihre
fortgeschrittensten Teile einnehmen. Selbst wenn diese Parteien ein
Schattendasein fristen und nur eine kleine aktive Schicht haben, können
trotzdem unter dem Druck der Ereignisse neue frische Schichten von
ArbeiterInnen, Jugendlichen etc. dazustoßen. Sie können „Reserven“
haben, die sich in relativ ruhigen Perioden nicht voll offenbaren. Dies
gilt noch viel stärker für die Gewerkschaften, die in vielen Ländern
durch Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit etc. an Zahl und Einfluss geschwächt
wurden, aber durch große Ereignisse, die bevorstehen, aufblühen können.
Der Entwicklung einer marxistischen Massenpartei werden unausweichlich
„Zwischenstationen” in der Form von breiteren Formationen vorausgehen,
in denen MarxistInnen mit anderen zusammenarbeiten werden, die noch kein
klares sozialistisches, marxistisches Erscheinungsbild haben. Selbst wo
der Prozess stecken geblieben oder zurückgegangen zu sein scheint,
werden wir auf ihre Entwicklung als Mittel der Sammlung der Kräfte auf
der Linken und der entschlossensten Kampfelemente der Arbeiterklasse
drängen. Die Erfahrung breiter Schichten der ArbeiterInnen in solch
einer Formation ist unschätzbar, sogar notwendig, für die Schaffung
eines breiten sozialistischen Bewusstseins, bei der sowohl diese Art von
Parteien als auch die Erfahrungen der Massen im Kampf helfen können.
Gleichzeitig muss diese Aufgabe verbunden werden mit dem Aufbau und der
Festigung einer klaren marxistischen Kraft auf der Grundlage des
Programms und der Ideen des CWI. Die Gelegenheiten sind jetzt für den
unverfälschten Marxismus günstiger als zu irgendeiner anderen Zeit seit
Mitte oder Ende der 1980er.
Die Krise wird ganz Europa treffen
In Europa gibt es nicht ein Land, das den Auswirkungen der Krise
entkommen ist. In der stärksten Ökonomie Europas, in Deutschland, ist
die grundlegende wirtschaftliche Lage explosiv. Die Industrie in
Deutschland hat den höchsten Anteil am BIP unter allen großen
entwickelten Wirtschaften. Mit 24% des BIP ist es fast doppelt so hoch
wie die industrielle Basis Großbritanniens mit 13%. Aber dieses Jahr
drohen Deutschlands Maschinenbau- und Elektroindustrie zum ersten Mal
nach 1945 große Verluste. Sie konnten sich bis jetzt weitgehend auf dem
Weltmarkt und besonders durch Verkäufe nach China halten. Es wird
geschätzt, dass sich das Aufpäppeln der Industrie durch die Regierung
auf 1% des BIP beläuft. Dazu gehört, „nicht benötigte” ArbeiterInnen in
ihren Arbeitsplätzen zu halten (Financial Times), indem die Regierung
die Löhne der Arbeiter aufstockt, die in Kurzarbeit sind. Dies bedeutet
wiederum, dass das Bundeshaushaltsdefizit auf etwa 100 Milliarden Euro
nächstes Jahr empor schnellen wird, auf das Zweieinhalbfache des
bisherigen Spitzenwerts von 40 Milliarden Euro, der 1996 erreicht wurde,
als das Land mit den Kosten der Wiedervereinigung unter der
CDU-Regierung von Kohl 1996 zu tun hatte.
Merkels Versprechen, die Steuern zu senken, während sie vor großen
Kürzungen in öffentlichen Ausgaben zurückschreckt, führte zu Unbehagen
in der neuen CDU/CSU/FDP-Koalition. Der Vorbote künftiger
Schwierigkeiten, Spannungen und selbst die Möglichkeit einer frühen
Niederlage dieser Koalition zeigte sich, als nicht alle
Koalitionsabgeordneten im Bundestag für die Regierung stimmten und
Merkel nur eine Mehrheit von gerade mal 11 Stimmen hatte. Die allgemeine
Position des deutschen Kapitalismus erfordert ebenso wie die seiner
Pendants im Rest von Europa eine Konfrontation mit der Arbeiterklasse,
um die hart erkämpften Errungenschaften der Vergangenheit wieder
einzukassieren. Der unausweichliche Angriff auf Renten, auf Löhne – wo
es den Versuch gibt, die Löhne von Berufsanfängern zu senken – der
Anstieg der Massenarbeitslosigkeit, die die Tendenz hat, zur
Dauererscheinung zu werden, garantiert enorme Klassenpolarisation und
Verschärfung des Kampfes zwischen den Klassen.
Ebenso wie Kriege, sind Klassenkämpfe intensiver, wenn es um die
Verteilung eines kleineren „Kuchens” geht. Es gibt jetzt nicht ein Land
in Europa, das nicht im Verlauf der Monate und Jahre eine Verschärfung
im Klassenkonflikt erfahren wird. Dies wird symbolisiert durch eine
Welle von Besetzungen in Irland, Britannien und Frankreich,
einschließlich des „Bossnappings” und sogar der Drohung, eine Fabrik in
Frankreich mit Dynamit zu sprechen. Dies wird sich in anderen Ländern
wiederholen, wo Fabriken durch die Bosse einfach geschlossen werden.
Diese Besetzungen fordern implizit die bisher „heiligen Rechte” des
Managements zum Managen heraus, die jetzt so etwas wie eine Diktatur des
Kapitals sind, wie selbst Sarkozy im Europawahlkampf sagte. In dieser
Lage in Europa und in jedem Land sind nicht nur große Konflikte, sondern
auch Generalstreiks angelegt – wahrscheinlich zuerst im öffentlichen
Dienst, aber in der kommenden Periode wird das auch Beschäftigte im
Privatsektor erfassen. Und dies findet vor dem Hintergrund einer
Schwächung, zumindest zahlenmäßig, der Gewerkschaften in vielen Ländern
statt; in Frankreich ist die Mitgliedschaft auf 8% gefallen. In
Großbritannien, Spanien, Portugal und wahrscheinlich selbst Italien
wurden die Gewerkschaften geschwächt.
In Großbritannien verspricht der Konflikt intensiv zu werden, denn unter
der Leitung von New Labour wurde das Land von einem „Stern” am
neoliberalen Himmel zu einem Problemfall, der offiziell hinter
Berlusconis Italien gefallen ist! In Griechenland droht ein riesiger
Zusammenstoß trotz der mächtigen Gegenwehr gegen die heftige
Kürzungspolitik von Nea Demokratia und dem folgenden Sieg der vorher
diskreditierten PASOK. Die Staatsschulden sind jetzt über 100% des BIP,
die Ratingagenturen stufen die Ratings der Schulden des Landes zurück –
wie sie es Großbritannien auch angedroht haben – was es schwierig machen
wird, die Anleihenmärkte zu überreden, weiter Staatsanleihen zu kaufen.
Bankrott droht nicht nur Branchen, sondern ganzen Ländern, wie das
Beispiel von Argentinien gezeigt hat. Ein Land „unter Treuhandschaft” zu
stellen, ist eine Sache, gleich eine ganze Reihe von Ländern darunter zu
stellen, eine ganz andere. Das passierte in den 1930ern und eine
ähnliche Lage droht heute für eine Reihe von Ländern in Osteuropa und
auch der neokolonialen Welt.
Im kontinentalen Maßstab konnten die europäischen Kapitalisten trotz der
fortbestehenden Stärke des Euro gegenüber dem Dollar keinen
konkurrierenden integrierten Block gegen den der USA festigen. Der Euro
kann dem Dollar aus seiner gegenwärtigen Stärke heraus die Stirn bieten.
Aber er wirkt auch als eisernes Korsett, das das Leben aus ohnehin
wirtschaftlich geschwächten Ländern wie Irland und Italien herauspresst,
die an der Abwertung ihrer Währungen– wie sie jetzt bei den USA der Fall
ist – und dadurch an der Suche nach etwas Erleichterung gehindert
werden. Eine der Absichten der kapitalistischen Klassen in Europa, wegen
denen sie in der Europäischen Union zusammen gekommen sind, war eine
Vereinbarung, Abwertungswettläufe durch die Einführung des Euro
auszuschließen, um sich selbst die Einführung „innerer Abwertungen”
(Lohnsenkungen, Kürzungen bei Sozialabgaben etc.) aufzuzwingen. Wenn
sich diese Krise vertieft und ihre Schwierigkeiten wachsen, könnten ein
oder zwei Länder aus dem Euro aussteigen. Dies wird natürlich keinen
Ausweg aus der kapitalistischen Krise bieten, kann aber der einen oder
anderen nationalen Gruppe von Kapitalisten vorübergehend etwas
Erleichterung verschaffen, während es auch letztlich die
innereuropäischen und internationalen Spannungen verschärfen würde.
Kapitalistische Kommentatoren wie Philip Stephens von der „Financial
Times” bezeichnen Europa offen und abfällig als „Museum”, das nicht
erfolgreich gegen die USA konkurrieren kann. Die Bestätigung des
Lissabon-Vertrags durch das zweite Referendum in Irland und die
Unterschrift des tschechischen Präsidenten scheinen ein unaufhaltsamer
Triumph für den europäischen Zug zu sein. Aber gerade in diesem
Augenblick enthüllt sich die Schwäche des kapitalistischen europäischen
Projekts und es könnte auseinander fallen. Die EU-Verfassung will wie
der frühere Vertrag von Rom den Kapitalismus „für immer” als das
ultimative Wirtschaftsmodell „gesetzlich” festlegen. Die Verfassung
schreibt den neoliberalen Kapitalismus fest, indem sie staatliche
Subventionen für Not leidende Branchen und Verstaatlichung ausschließt,
während sie Privatisierung etc. unterstützt. Der Charakter dieses
Dokuments und der Europäischen Kommission zeigt sich an der „Anweisung”
an die Brown-Regierung in Britannien, profitable Teile des
verstaatlichten Bankensektors im Interesse des „Wettbewerbs” zu
verkaufen. Eine ähnliche arbeiterfeindliche Herangehensweise ist in
verschiedenen europäischen Direktiven festgelegt.
Internationalistische Herangehensweise
Aber die Verfassung bleibt wie alle kapitalistischen Gesetze ein Stück
Papier, sobald sich die Arbeiterklasse bewegt, um Lösungen für ihre
Probleme durchzusetzen. Das zeigte sich in dem Lindsey-Arbeitskampf in
Großbritannien, der kein Streik für „britische Jobs für britische
Arbeiter” war, wie ultralinke Gruppen wie die britische SWP andeuteten.
Wegen der Intervention von bewussten SozialistInnen, besonders der
Socialist Party, konnte dem Element von Nationalismus, das es in allen
Konflikten geben kann, die als ein „Kampf um Arbeitsplätze” erscheinen
(wie der Kampf um General Motors gezeigt hat), durch eine klare Klassen-
und internationalistische Herangehensweise entgegentreten werden.
MarxistInnen lehnen den Trick der Bosse völlig ab, mit den Europäischen
Direktiven die „Spirale nach unten” bei Löhnen unter der Überschrift der
„freien Bewegung der Arbeitskräfte” zu verstärken. Wir kämpfen für eine
Klassen- und gemeinsame Herangehensweise, deren zentrale Forderung
Tariflöhne sind. Wir lehnen völlig den Versuch der Bosse ab, bei dem
manche Gewerkschaftsführer helfen, einen Teil der Arbeiterklasse gegen
den anderen auszuspielen, egal ob ArbeiterInnen in der Privatwirtschaft
gegen die im öffentlichen Dienst gestellt werden, ob die Jungen gegen
die Alten, weil die „Arbeitsplätze blockieren würden“ oder die
ArbeiterInnen von einem Land Europas gegen die in einem anderen
verwendet werden.
Die Realität der kapitalistischen Versuche zu einer „Einigung Europas”
ist, dass vor Ort die Bosse Nationalismus, ethnischen Konflikt und
Rassismus in der uralten Politik des „Teile und Herrsche” hoch
peitschen, damit sie ihrer Herrschaft und der Verteidigung ihrer Profite
und Privilegien dienen. Die Integration der Produktivkräfte weltweit und
besonders in Europa erfordern eine internationalistische
Herangehensweise an die Schlüsselkämpfe, die Verteidigung vergangener
Errungenschaften wie Renten und Sozialleistungen, und den Kampf gegen
die wachsende Bedrohung durch die extreme Rechte. Die jüngsten Erfolge
der extremen Rechten – besonders die Wahl von Griffin von der British
National Party – in den Eurowahlen spiegeln direkt die Verschiebung der
Führer der ehemaligen Arbeiterorganisationen und Gewerkschaften zu einer
rechten prokapitalistischen Position wider. Ein Vakuum wurde geschaffen
und hat sich kürzlich sogar noch verbreitert, weil in vielen Ländern
keine lebendige linke Alternative geschaffen wurde. Die „Schere” – die
Kluft zwischen der grundlegenden wirtschaftlichen Lage und den
Massenbewusstsein – war nie breiter. Der Erfolg der LINKEN in
Deutschland, zumindest auf Wahlebene, hat es bisher geschafft, deutliche
Wahlerfolge für die extrem rechten und neofaschistischen Kräfte auf
Bundesebene zu verhindern. Aber die Gefahr ist nicht verschwunden und
tatsächlich war die extreme Rechte im Allgemeinen der erste Nutznießer
der Ablehnung der Krise durch die Massen in Europa.
Zuwanderung ist eine Schlüsselfrage für die Linke und die
Arbeiterbewegung in Europa. Es darf keine Zugeständnisse an Rassismus
oder Diskriminierung auf der Grundlage von ethnischer Herkunft oder
Glaubenszugehörigkeit geben. Aber auf der anderen Seite ist in einer
Lage von Massenarbeitslosigkeit – fast 20% in Spanien zum Beispiel bei
einer beträchtlichen Immigrantenbevölkerung – die bloße Beschwörung der
Opposition gegen Rassismus etc. nicht genug. Es ist wichtiger denn je,
dass Antirassismus mit Klassenforderungen nach Arbeitsplätzen,
Wohnungen, Bildung, Gesundheitsversorgung und der Notwendigkeit von
gemeinsamen vereinigten Kämpfen verbunden wird. Die kapitalistischen
Regierungen bereiten ein hartes Durchgreifen vor, die Deckelung der
Zuwanderung. Wir lehnen die Idee ab, dass irgendwelche derartigen
Maßnahmen eine Lösung für die Probleme bieten können, die mit
Zuwanderung verbunden sind, und den ArbeiterInnen von Europa nützen. Es
gibt keine kapitalistische Maßnahme, die die Hungrigen und Armen –
besonders in einer Ära der Massenkommunikation – abhalten wird, zu
versuchen, aus einer sich verschlimmernden Armutsfalle in der
neokolonialen Welt und auch vor Verfolgung und Unterdrückung zu
entkommen und ein „besseres Leben” anderswo zu erreichen. Zuwanderung an
sich wird die Probleme der Armen und Unterdrückten nicht lösen – relativ
wenige haben die Ressourcen, um die Reise in die fortgeschrittene
industrielle Welt zu machen. Wir müssen auf eine allgemeine
sozialistische Lösung drängen, um die Probleme weltweit zu lösen. Dies
ist unvereinbar mit der Aufrechterhaltung von Großgrundbesitz und
Kapitalismus in der neokolonialen Welt.
Obama verliert an Glanz
In den USA hat die Obama-Regierung unvermeidlich teilweise an Glanz
verloren, weil die verheerende Wirtschaftskrise weitergeht. Das ist
verbunden mit dem nicht gewinnbaren Krieg in Afghanistan und auch der
Sackgasse und daher der Verschlimmerung der Lage im Nahen Osten, wo auch
im Irak erneut die Aussicht auf einen sektiererischen Bürgerkrieg droht.
Die Zustimmungsraten für Obama, die kurz nach der Wahl bei über 70%
standen, stehen jetzt bei knapp über 50%. Die Wirtschaftskrise hat die
ganze USA betroffen, aber in manchen Schlüsselstaaten und Städten
Ausmaße einer Depression angenommen. Die Dialektik der Geschichte ist
so, dass Staaten, die in der Vergangenheit wirtschaftlich in der ersten
Reihe standen, von der Krise am stärksten betroffen sind mit
verringerten Steuereinnahmen etc. Kalifornien – der frühere „goldene
Bundesstaat” – ist heute von Arbeitslosigkeit, Kürzungen bei den
Arbeitsplätzen der öffentlichen Angestellten und bei den
Sozialleistungen gekennzeichnet. Tausende Obdachlose leben auf den
Straßen, in Autos etc. Bis zu 100.000 Menschen schlafen jede Nacht auf
den Straßen von Los Angeles. Aber das ist nicht der einzige betroffene
Bundesstaat. Ganze zehn Staaten – mit einem Drittel der US-Bevölkerung –
teilen ein ähnliches Schicksal. Mehr Bundesstaaten könnten im nächsten
Jahr in die gleiche Lage kommen.
Detroit ist typisch für die Krise in den Städten. In den 1950er Jahren
prahlte „Motown” mit dem höchsten Durchschnittseinkommen und der
höchsten Rate von Wohnungseigentum unter allen größeren amerikanischen
Städten. Jahrzehnte des Zusammenbruchs ihrer industriellen Basis,
besonders ihrer weltberühmten Autoindustrie, haben die Stadt in die Knie
gebracht. Vor fünfzig Jahren wurde es das „Arsenal der Demokratie”
genannt und prahlte mit fast zwei Millionen Bürgern, die es zur
viertgrößten Stadt in Amerika machten. Jetzt ist die Bevölkerung auf
900.000 geschrumpft, ein Drittel von Detroit wurde faktisch hohem Gras,
Gebüsch und städtischen Farmen überlassen. Selbst in der Innenstadt von
Detroit wachsen auf dem Dach eines ruinierten Wolkenkratzers ein paar
Bäume! Die Stadt hat eine schockierende Arbeitslosenquote von 29%;
obendrein hat die Krise große Teile der Mittelschicht getroffen, sowohl
in Detroit als auch in anderen Städten. Kalifornien wäre, wenn es ein
eigenes Land wäre, immer noch das achtreichste auf der Welt, aber es ist
wirtschaftlich ein „gescheiterter Staat”.
Selbst Menschen mit Arbeit waren in den USA gezwungen, um kostenlose
Lebensmittelgutscheine der Regierung zu bitten und die durchschnittliche
Wochenarbeitszeit liegt jetzt bei 33 Stunden, die niedrigste bisher
gemessene, während die Zahl der Leute, die zu Teilzeitarbeit gezwungen
sind, weil sie keine Vollzeitarbeit finden können, um mehr als 50% im
vergangenen Jahr auf die Rekordzahl von 8,8 Millionen gestiegen ist.
Löhne und Sozialleistungen sind zurückgegangen; die Arbeitslosigkeit
steht bei 10%, aber wenn die Teilzeitarbeit mitgezählt wird, liegt sie
wahrscheinlich bei etwa 15%. Die „Financial Times“ berichtete, dass die
40% der Familien, die Lebensmittelgutscheine der Regierung erhalten, die
„Erwerbseinkommen“ beziehen, eine Zunahme von 25% im Vergleich zu vor
zwei Jahren sind, eine atemberaubende Zunahme. Zusätzlich haben wir die
heftigen Gegenangriffe der republikanischen Rechten und ihrer
Verbündeten gegen die sehr milden von Obama unterstützten
Krankenversicherungsprogramme gesehen, die die Mehrheit der Bevölkerung,
weit über 90%, abdecken sollen.
Diese Bedingungen haben gerade Obamas Basis unter Druck gesetzt. Etwa
jeder Fünfte der jungen Leute und mehr als ein Siebtel der
AfroamerikanerInnen und der Leute ohne High-School-Abschluss haben
keinen Job. Fast ein Drittel aller jungen schwarzen Männer hat keine
Arbeit. Sieben der zehn Staaten mit der höchsten Arbeitslosigkeit
wählten bei den Präsidentschaftswahlen demokratisch. Bei einem Wahltest
in Virginia wurden die Demokraten von den Republikanern geschlagen. Aber
das kündigt nicht notwendig eine Niederlage für Obama bei den Wahlen
2012 an. Roosevelt wurde 1936 wiedergewählt, obwohl es nach seinem
ersten Wahlsieg 1932 ständig Massenarbeitslosigkeit von über 15% gab.
Aber der Erfolg der Obama-Regierung in der Zukunft hängt von ihrer
Fähigkeit ab, die Forderung nach Arbeitskräften wenigstens teilweise zu
befriedigen. Er hat eine massive Steigerung von staatlich geförderten
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen „mit Hacke und Schaufel“ wie im New Deal
vorgeschlagen. Aber das hängt davon ab, seine Vorschläge durch den
Kongress zu bringen, was problematisch ist.
Wie in anderen Ländern besteht die dringende Notwendigkeit einer neuen
radikalen Massenpartei. Ein Arbeiter in Detroit, der über die Ruinen
seiner Stadt nachdachte und was mit ihnen gemacht werden sollte,
erklärte: „Arme haben einfach nicht den politischen Einfluss, um
Lobbyarbeit zu machen und zu kriegen, was sie brauchen, so wie es Wall
Street macht.” Das zeigt im Kleinen das Dilemma, vor dem die
amerikanische Arbeiterklasse steht. Die Aussichten für die Kräfte des
CWI in den USA waren nie besser, wenn wir die Möglichkeiten unter der
Jugend, den Hispanics, den AfroamerikanerInnen, etc. nutzen.
Irak und „Afpak“
Nach Obamas Machtantritt und dem Abtritt des verhassten Bush-Regimes
sind die Weltbeziehungen auch im Fluss. Die unipolare Position von Bush
ist vorbei, was Obama schon vor seiner Wahl anerkennen musste. Die USA
bleiben wirtschaftlich die vorherrschende Macht auf dem Erdball und
behalten auch die Fähigkeit, auf der ganzen Welt zu intervenieren,
besonders militärisch. Aber den USA wurden schnell die Grenzen dieser
Macht bewusst gemacht - in der Verwicklung in „Afpak“ (Afghanistan und
Pakistan). Die Regierung traf die Entscheidung, amerikanische Truppen
aus den Städten des Irak abzuziehen, aber dies hat keine Periode von
Frieden und Freundschaft für das irakische Volk gebracht. Im Gegenteil
hat es den Schauplatz für einen neuen sektiererischen Bürgerkrieg
bereitet, weil die sunnitische Elite aus der Maliki-Regierung
ausgeschlossen ist und daher wahrscheinlich weitere Angriffe auf die
schiitische Mehrheit billigen wird. Obendrein könnten Kirkuk und weitere
Städte durch den neuen sektiererischen Konflikt und einen Kampf um die
Kontrolle des Öls der Region zerrissen werden. Dieses Regime wird von
Stromausfällen, Massenarbeitslosigkeit und einer massiven Zunahme der
Inflation heimgesucht und wird auch von den SchiitInnen abgelehnt.
US-Streitkräfte können leicht wieder in einen Konflikt gezogen werden,
in dem es keinen leichten Ausweg aus dem Morast gibt.
Um Afghanistan steht es womöglich noch schlimmer. US-Truppen sind dort
in den letzten acht Jahren verwickelt, doppelt so lange wie die
amerikanische Beteiligung am Zweiten Weltkrieg. Der gegenwärtige
britische Militärchef erklärte, dass britische Truppen in Afghanistan
für weitere 30 bis 40 Jahre beteiligt sein könnten. Dies ist völlig
inakzeptabel für die Mehrheit der britischen Bevölkerung, die in
Meinungsumfragen entschieden zu einem Abzug der Truppen aus Afghanistan
umgeschwenkt ist, während die Särge von sehr jungen britischen Soldaten
täglich nach Großbritannien überführt werden. Ein beträchtliches
Wachstum der Antikriegsstimmung ist auch in den USA offenkundig. Die
Zahl der US-Opfer hat zwar nicht das Ausmaß von Vietnam, und es handelt
sich jetzt um eine Berufs- und nicht um eine Wehrpflichtigenarmee. Aber
Obama steht in der Tat vor einem „Vietnam-Moment” bezüglich des
Einsatzes von weiteren US-Truppen in Afghanistan. Er steht vor dem
selben Dilemma, vor dem John F. Kennedy in den frühen 1960er Jahren
unmittelbar vor seiner Ermordung und Lyndon Johnson später in Bezug auf
Vietnam standen: weiter hineingehen oder abziehen. Obendrein ist der
Umstand, dass diese Lage besteht, ein weiterer Beleg, wie wir seinerzeit
vertraten, dass Bush nach dem 11. September es nicht schaffen würde, das
„Vietnam-Syndrom“ aus der Psychologie der amerikanischen Bevölkerung zu
entfernen.
Die Forderung nach 40.000 weiteren Soldaten durch den US-Kommandeur
General McChrystal droht den Konflikt auf das Niveau von Vietnam zu
eskalieren. Auch wenn Obama sich nur für eine „McChrystal light“-Version
mit dem Einsatz von vielleicht 30.000 oder weniger Soldaten entscheiden
würde, würde das auf heftigen Widerstand sowohl in der Region als auch
den USA selbst stoßen. Obendrein wird es wahrscheinlich nicht die Gewalt
aufhalten, die außer Kontrolle geraten ist und sich jetzt auf Pakistan
ausgeweitet hat. Das Drängen der Obama-Regierung gegenüber dem
Zardari-Regime in Pakistan, sich mit den Taliban zu befassen, ist auf
taube Ohren gestoßen. Hillary Clinton sagte bei einem Besuch im Land,
die Regierung solle die Taliban ausmerzen und al-Kaida beseitigen. Aber
der ISI, Pakistans Militärgeheimdienst, hat, wie Clinton herausplatzte,
seit einiger Zeit gewusst, wo sich Osama bin Laden in Wasiristan
versteckte. Sie hätten ihn wahrscheinlich innerhalb eines Tages
hochgehen lassen können. Aber sie werden das nicht machen, so lange
Pakistan in einem Konflikt mit Indien feststeckt. Traditionell wurde
Afghanistan vom Militär als ein Hinterland von Pakistan, eine Pufferzone
gegen Indien gesehen und besonders in dem sich fortsetzenden Konflikt um
Kaschmir, bei dem eine Million indischer Soldaten im indischen Sektor
von Kaschmir stationiert sind. Der US-Imperialismus und die
Obama-Regierung sind in einer unmöglichen Lage.
Der afghanische Konflikt führte zur „Talibanisierung“ von Teilen von
Pakistan. Ein amerikanischer Abzug aus der Region würde diesen Prozess
enorm beschleunigen, mit der Aussicht, dass islamische Fundamentalisten
schließlich sogar Kontrolle über Pakistans Atomwaffen kriegen könnten.
Selbst ein „Obristenputsch“ steht zwar nicht unmittelbar auf der
Tagesordnung, ist aber auf einer gewissen Stufe möglich angesichts der
„zivilen“ Regierung von Zardari und jeder anderen Regierung bei der
Kontrolle der Lage. Der fortgesetzte Einsatz von Drohnen für die
Bombardierung paschtunischer Gebiete wird nur die Feindseligkeit gegen
den US-Imperialismus zu verschärfen. Vor lauter Verzweiflung wurde
Anfang November lanciert, dass das US-Militär sogar erwäge, mit
Erlaubnis der Regierung US-Truppen in Pakistan zu stationieren, um seine
Atomanlagen zu bewachen!
Die jüngsten Wahlen in Afghanistan zeigten die begrenzte soziale Basis
des Karsai-Regimes, das seine Basis in erster Linie in der
paschtunischen Bevölkerung hat, die 40% der Bevölkerung ausmacht. Die
Taliban können nie völlige Kontrolle über Afghanistan oder Pakistan
ausüben wegen der Stammes- und ethnischen Spaltungen. Keine ausländische
Militärmacht konnte das Land effektiv besetzen. Es war auch ein
„Vietnam-Moment“ für die russischen Streitkräfte, als sie gezwungen
wurden, sich aus Afghanistan zurückzuziehen. Die USA und Großbritannien
stehen nicht Nationalismus als solchem gegenüber – es gibt nur ein
begrenztes Nationalbewusstsein in Afghanistan. Es ist mehr „Lokalismus“
und, wie ein Kommentator kürzlich sagte, „Tal-ismus“, die die
vorherrschenden Merkmale von Afghanistan sind. Mit anderen Worten hat
der Stamm oder das Tal Vorrang gegenüber „nationalen Projekten“. Einfach
die gegenwärtige US- und britische Präsenz beizubehalten, würde
bedeuten, das Land zu verwüsten und ein „Rückkoppelungsschleife“ zu
haben, die sich auf Pakistan auswirkt. Auf der anderen Seite würde ein
Abzug die ganze Region ins Chaos stürzen und wäre ein enormer Schlag für
das Prestige der US-Autorität, besonders militärisch. Dies ist der
Hintergrund für die Diskussion unter den US- und britischen Regierungen
über den Versuch, wenigstens ein paar der aufständischen Führer zu
gewinnen in der Hoffnung, dadurch ihre Intervention herunterfahren zu
können.
Dasselbe gilt für die Lage in Israel-Palästina. Die verheerende
Intervention von Hillary Clinton, die sich weigerte zu kritisieren, dass
es keinen Stopp des israelischen Siedlungsbaus gebe und es faktisch
akzeptierte, trug zur Krise in der Abbas-Regierung und der explosiven
Lage bei, die daraus entspringen könnte. Das Nettoergebnis war die
Stärkung von Hamas und der Kräfte der rechten fundamentalistischen
Kräfte des politischen Islam in den palästinensischen Gebieten mit dem
zunehmenden Infragestellung der „Zwei-Staaten“-Lösung. Hamas hat formell
die Idee eines palästinensischen Staats „vom Fluss [Jordan] bis zum
Meer“ wieder angenommen und betont sie stärker. Gleichzeitig diskutieren
Teile ihrer Führung weiter eine „Zweistaatenlösung“ als einen Schritt
hin zu einem Staat. Die israelische Bevölkerung wird die Idee nicht
akzeptieren, dass ein einziger palästinensischer Staat die gegenwärtige
Lage ersetzt. Auf der anderen Seite wird eine Weigerung, dem
palästinensischen Bürgertum auch nur an eine amputierte
Zweistaatenlösung zuzugestehen, jetzt die Bühne bereiten für eine
Entwicklung vom Typ „Südafrika“: Eine Kampagne könnte sich entwickeln
für „eine Person – eine Stimme”.
PalästinenserInnen können überlegen, dass es keine Möglichkeit gebe,
dass der israelische Staat ihre „Nationalität“ garantiert und daher
müsse der Kampf um gleiche Rechte innerhalb Israels gehen. Dies wird die
israelische herrschende Klasse nicht akzeptieren. Wenn die „israelischen
Araber“ (in Israel lebende PalästinenserInnen) für diese Forderung
mobilisieren, könnte es die Bühne für eine Massenvertreibung der
PalästinenserInnen bereiten. Dies könnte zu massivem Blutvergießen in
einem Maß führen, das die beiden Intifadas winzig erscheinen lassen
würde. Obendrein würde es in der ganzen Region Widerhall finden und
wahrscheinlich zu einem neuen Nahostkrieg führen mit all den blutigen
Folgen, die daraus entspringen könnten, einschließlich des Einsatzes von
Atomwaffen durch Israel oder der Drohung damit, wenn es sich militärisch
belagert fühlen würde. Es könnte auch zu einem neuen Ölembargo führen,
das wirtschaftlich Chaos und Verwüstung anrichten würde. Die einzige
Alternative zu diesem Albtraum ist die unserer israelischen und
arabischen GenossInnen: einer sozialistischen Föderation, in der die
nationalen Rechte sowohl von PalästinenserInnen als auch Israelis
garantiert wären. Der Kapitalismus bietet absolut keinen Ausweg aus
dieser blutigen Falle.
Gleichzeitig haben Unruhen Lateinamerika erschüttert, wo der Kampf der
Massen, besonders im „Andenvulkan”, der Venezuela, Bolivien, Ecuador und
El Salvador umfasst, in der Frontlinie des Klassenkampfs stand. Der
Machtantritt von Hugo Chávez in Venezuela und Evo Morales in Bolivien
stellte eine wichtige Entwicklung dar. Diese Regierungen spiegelten die
Revolte der Massen gegen den Neoliberalismus wider und waren gezwungen,
eine Reihe von populären Reformen einzuführen und vergrößerten die
Staatseingriffe. Besonders Chávez hat die Frage des „Sozialismus” zurück
auf die politische Tagesordnung gebracht, was einen wichtigen Schritt
vorwärts darstellt. Aber eine kritische Phase hat jetzt sowohl in
Venezuela als auch Bolivien begonnen. Die bürokratischen Methoden von
oben nach unten von Chávez’ Regime, und seine Unfähigkeit, den
Kapitalismus zu stürzen, haben zu einer Sackgasse in Venezuela geführt,
wie das CWI in anderem Material erklärt hat. Diese Methoden können auch
die Ideen des Sozialismus diskreditieren. In Bolivien wird die
Wiederwahl von Morales durch einen Erdrutsch bei den letzten Wahlen
sicher eine neue Phase des Kampfes dort eröffnen, da die Massen mehr als
die begrenzten Reformen erwarten, die bisher von der Regierung
eingeführt wurden. Jetzt haben Morales und die MAS keine Entschuldigung
mehr, die Bewegung zurückzuhalten. Die Forderung der Massen, den
revolutionären Prozess voranzutreiben, wird auf die reformistische
Politik und Methoden der MAS-Führung treffen, die eine explosive Lage
eröffnen, die eine Auswirkung in Venezuela und dem Rest von
Lateinamerika haben kann.
Brasilien, die Regionalmacht, hat es bisher zusammen mit Chile
geschafft, die volle Auswirkung der Krise zu vermeiden. Dies führte zu
einem relativ niedrigen Pegel des Kampfs in diesem und manchen anderen
Ländern. Als Ergebnis konnte Lula in Brasilien in den Umfragen hohe
Zustimmung behalten. Aber dies wird nicht unbegrenzt dauern und der
Eintritt der extrem mächtigen Arbeiterklassen von Brasilien,
Argentinien, Chile und Mexiko – mit starken revolutionären Traditionen –
in den Kampf wird eine größere Auswirkung auf die Kämpfe und
revolutionäre Prozesse auf dem ganzen Kontinent haben. Der Putsch in
Honduras ist eine Warnung an die Arbeiterklasse und die Armen auf dem
ganzen Kontinent, dass unabhängige Organisationen der Arbeiterklasse mit
einem revolutionären sozialistischen Programm für den Sieg gegen
Kapitalismus und Großgrundbesitz notwendig sind. Das Fehlen solcher
unabhängigen Organisationen und Parteien der Arbeiterklasse spiegelt
sich im Wachstum radikaler populistischer Kräfte in vielen Ländern
wider. Diese Bewegungen sind eine Phase der Bewegung, die durch den
Aufbau unabhängiger Organisationen und Parteien der Arbeiterklasse
überwunden werden muss.
In Afrika bieten sich große Möglichkeiten für den Aufbau des CWI und für
unsere Verankerung. Arbeitende Menschen und die Armen auf dem ganzen
Kontinent gewannen in den letzten Jahren kaum oder gar nicht.
Weltwirtschaftliches Wachstum bietet jetzt, in dieser neuen
Rezessionsperiode, keine Aussicht auf eine wesentliche Verbesserung
ihrer Lebensverhältnisse. Dies wird die Kleptomanie der örtlichen
herrschenden Eliten nur verstärken, die alle Vermögenswerte, die sie in
ihre Hände bekommen, zu stehlen versuchen. Dies ist einer der Gründe
hinter den fortgesetzten Konflikten in Mittel- und Ostafrika. Aber in
den letzten Jahren gab es erneute Proteste gegen Preisanstiege bei
Nahrung und Treibstoff.
In Südafrika erzeugte die Entfernung von Mbeki und seine Ersetzung als
Präsident durch Zuma die Zunahme von Erwartungen und öffnete die Tür für
eine neue Kampfperiode. In Nigeria gibt es eine neue Grundströmung
zugunsten von Aktionen gegen die wiederholten Angriffe der Regierung auf
den Lebensstandard und die Plünderung des Reichtums des Landes, aber
nach vielen Massenprotesten, einschließlich sechs Generalstreiks seit
2000, gibt es ein wachsendes Verständnis, dass ein „Regimewechsel”
notwendig ist. Die Herausforderung ist der Aufbau einer unabhängigen
Bewegung der Arbeiterklasse und Armen, die die Macht übernehmen kann.
Die Entwicklungen in Guinea seit dem Militärputsch im Dezember 2008
zeigen die Gefahren, wenn man sich auf das Militär verlässt. Nur
Massenaktion unter Führung der Arbeiterklasse kann beginnen, Korruption
auszumerzen, demokratische Rechte verteidigen und durch den Bruch mit
Kapitalismus und Imperialismus einen Beginn mit der sozialistischen
Umgestaltung der Gesellschaft zu machen.
Entscheidende Periode
Für das CWI ist dies eine neue entscheidende Periode. Wir haben
begonnen, neue Kräfte zu sammeln. In Irland, das besonders hart von der
Wirtschaftskrise getroffen ist, sahen wir den spektakulären Erfolg mit
der Wahl von Joe Higgins ins Europäische Parlament und seine Rolle in
der „Nein“-Kampagne gegen den Lissabon-Vertrag. Das Profil und die Rolle
der SP und Joes zeigen sich in der Veröffentlichung von vier neuen
Büchern in Irland über die Krise des „Keltischen Tigers“, die alle
unseren MEP und die Partei zitieren.
Viele der neuen CWI-Mitglieder werden als KämpferInnen gewonnen, die
meisten, aber nicht alle, haben ein hauptsächlich antikapitalistisches
Bewusstsein. Dies ist eine Folge des kolossalen ideologischen
Sperrfeuers gegen den „Sozialismus”, die vom Kapitalismus und seinen
Agenturen nach dem Kollaps des Stalinismus und, mit ihm, der
bürokratischen Planwirtschaften mit Staatseigentum begonnen wurde. Diese
Wirkung wurde durch den internationalen Aufschwung der 1990er Jahre und
des ersten Teils dieses Jahrhunderts verstärkt. Die überwältigende
Mehrheit der offiziellen Führer der Arbeiterbewegung gaben das
sozialistische Projekt auf, ebenso die meisten linken Intellektuellen,
einschließlich mancher „MarxistInnen” und „Trotzkistlnnen”. Das CWI
kämpfte hartnäckig für die Verteidigung der Ideen des Sozialismus,
besonders mit dem historischen Ziel ihrer Rehabilitierung in den
Programmen der neuen Arbeiterparteien. Gleichzeitig versuchten wir die
hinter dem CWI gesammelten revolutionären Kräfte zu verteidigen und zu
verstärken. Wir müssen immer noch für diese Ideen eintreten. Aber
gleichzeitig gewinnen wir angesichts des zurückgeworfenen politischen
Bewusstseins, das aus den schon beschriebenen Faktoren entspringt,
viele, die KämpferInnen gegen das System sind, von denen manche ein
sozialistisches Verständnis haben, aber noch keine ausgebildeten
MarxistInnen sind. Wir müssen anstreben, unsere Kräfte und besonders
unseren Einfluss in der Arbeiterbewegung international zu verstärken,
aber gleichzeitig müssen wir denen, die dem CWI beitreten, eine
umfassende marxistische Schulung geben.
Unsere Aufgabe ist weitgehend dieselbe – nur auf einem höheren Niveau –
vor der die Arbeiterparteien vor dem Ersten Weltkrieg standen. Auf einem
fast unbearbeiteten Gelände waren sie gezwungen, aus der rohen Masse
Parteien aufzubauen. Viele, die den sozialdemokratischen Massenparteien
in Frankreich, Deutschland etc. – die sich selbst als „marxistische“
Organisationen verstanden – beitraten, wurden in den Reihen dieser
Parteien zu MarxistInnen und SozialistInnen geformt und entwickelt. Das
umfasste wesentlich die Schaffung von Kadern, was nicht nur eine Sache
der Schulung, sondern auch mit Ereignissen verbunden ist. Die
Bolschewiki wären nicht die Kraft zur Veränderung der Gesellschaft
geworden ohne die heroischen Beispiele der früheren Generationen im
Kampf – die Narodniki, die Gruppe Befreiung der Arbeit in den 1890ern in
Russland, die Revolution 1905, 1917 und die internationalen Folgen der
Revolution etc. Aber die Ereignisse werden sich schnell entwickeln und
die Möglichkeit für das CWI bieten, eine ähnliche Aufgabe zu erfüllen,
anfangs in kleinerem Maßstab, aber mit der Hoffnung zehntausende
AnhängerInnen und Millionen in einem späteren Stadium zu erreichen. Das
CWI muss sich diesen Herausforderungen stellen, damit wir uns für die
bevorstehenden turbulenten Ereignisse vorbereiten.
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