Zur Schrift von Michael Heinrich, „Wie das Marxsche Kapital lesen“
[Druckversion] Thema: Marxismus, veröffentlicht: 08.02.2010
Eine Kritik von Wolfram Klein
Einleitung
Die „Kapital-Lese-Bewegung” der letzten Jahre brachte Hunderte und
Tausende in Berührung mit einem der wichtigsten Werke der
Arbeiterbewegung. Dies kommt zu einem wichtigen Zeitpunkt: Die Krise des
Kapitalismus unterstreicht erneut die dringende Notwendigkeit mit diesem
auf Ausbeutung beruhenden System Schluss zu machen.
Für diesen Kampf stellte Marx mit dem Kapital eine Methodik und ein
ganzes Instrumentarium der Analyse des Kapitalismus zur Verfügung. Kein
Wunder, dass diese Analyse und ihre Methoden selbst Feld der
Auseinandersetzung sind.
Michael Heinrich leistete einen wichtigen Beitrag zur Belebung der
Kapital-Lese-Bewegung und zur erneuten Diskussion um dieses Hauptwerk
des Marxismus. Seine Schriften werden vielfach als Hilfe für
NeueinsteigerInnen in die Kritik der politischen Ökonomie genutzt.
Heinrich bricht bei seiner Darstellung allerdings mit Grundlagen der
Methode und des Verständnisses von Marx. Während Marx seine geistige und
praktische Tätigkeit in den Dienst der Arbeiterbewegung stellte, will
Heinrich mit dem “Arbeiterbewegungs-Marxismus” brechen. Während Marx
führender Kopf der ersten Internationale war, sieht Heinrich wenig
Veranlassung, eine revolutionäre Organisation oder
Arbeiterorganisationen aufzubauen.
Heinrichs Theorie beruht auch auf seiner Interpretation des Kapital:
Heinrich unterstellt vom Tauschakt (Arbeitskraft gegen Geld) geblendete
ArbeiterInnen, die genauso systemimmanent agieren, wie die ihnen
gegenüber stehenden Kapitalisten.
Mit Heinrichs Darstellung wird der Sozialismus von einer Wissenschaft
(beruhend auf dem Verständnis der Rolle der Arbeiterklasse) wieder zu
einer Utopie: Ob und wer den Kapitalismus durchschaut und dagegen
handeln wird, wird zum reinen Zufall der persönlichen Erkenntnis.
Der vorliegende Diskussionsbeitrag beschränkt sich dabei auf die von
Heinrich in Bezug auf das Kapital vorgenommenen Interpretationen, die
all diese Schlussfolgerungen stützen sollen. Ich will hier darstellen,
wie Heinrich dabei anfangs kaum merkbar, dann immer deutlicher in
scharfen Gegensatz zu Marx tritt – ohne dies offen zu legen.
Michael Heinrich gehört seit einer ganzen Reihe von Jahren zu den
bekanntesten Interpreten von Marx ökonomischen Theorien. Es war eine
beachtliches Verdienst, in den 90er Jahren grundlegende marxistische
Ideen zu verteidigen – als bürgerliche Autoren das „Ende der Geschichte“
verkündeten, als Kohls Arbeitsminister Norbert Blüm erklärte „Marx ist
tot, Jesus lebt“ …
Der Autor dieser Kritik weiß das zu würdigen, weil er selber auch in
dieser Zeit aktiv war, aber im Unterschied zu Heinrich das Glück hatte
und hat, Mitglied einer revolutionären Organisation, der Sozialistischen
Alternative (SAV) und damit des Komitees für eine Arbeiterinternationale
(englisch: CWI), zu sein, in der wir uns dem Druck der bürgerlichen
Ideologie und Propaganda kollektiv entgegenstellen. Trotzdem hat dieser
ideologische Druck bei Heinrichs Ansichten zu wichtigen Fragen der
Marxschen Theorie seine Spuren hinterlassen. Deshalb besteht die Gefahr,
dass Heinrich zunehmend eine bremsende und in die Irre führende Rolle
spielen wird, weil inzwischen eine neue Generation die Marxschen Ideen
kennen zu lernen will. Vor diesem Hintergrund ist der Gedanke von
Heinrich, dem ich am meisten zustimmen kann, der Appell, Marx im
Original zu lesen. Und deshalb werde ich mich auch in dieser Kritik mich
darauf konzentrieren, Heinrichs Interpretation der Marxschen Ideen mit
dem Marxschen Original zu konfrontieren.
Diese Kritik kann teilweise als Zitatenhuberei oder kleinkarierte
Flohknackerei wirken. Ich hoffe aber, dass im Verlauf der Untersuchung
deutlich werden wird, dass es sich um ernste Differenzen handelt. Diese
Differenzen haben auch wichtige politische Folgen. Ich werde in den
nächsten Monaten versuchen, das bei einer Kritik an Heinrichs beiden
anderen Büchern „Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der
politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und
klassischer Tradition“ (Münster ²1999) und „Kritik der politischen
Ökonomie. Eine Einführung“ (Stuttgart ³2005)1 zu belegen, die hier nur
soweit diskutiert werden, wie sie den gleichen Gegenstand wie „Wie das
Marxsche Kapital lesen“ behandeln.
Hier sollen nur drei zentrale Differenzen kurz angedeutet werden:
Heinrich folgert aus der Marxschen Analyse des “Fetischismus”, dass
ArbeiterInnen ebenso wenig wie Kapitalisten die Verhältnisse im
Kapitalismus durchschauen können. Diese Einschätzung ist doppelt falsch.
Es ist zwar richtig, dass die meisten ArbeiterInnen kein revolutionäres
Bewusstsein haben (und auch in den meisten Phasen der Geschichte nicht
hatten). Wenn es anders wäre, hätten sie den Kapitalismus schon längst
gestürzt. Wir ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass die
Arbeiterklasse den Kapitalismus nicht spontan stürzen kann, sondern sich
organisieren muss und auch eine revolutionäre Massenpartei aufbauen
muss. Falsch ist aber erstens, dass dieses nichtrevolutionäre
Bewusstsein sich so direkt aus dem Fetischismus ableiten ließe. Die
Verbreitung nationalistischer, rassistischer, sexistischer etc. Ideen
spielt dabei auch eine ganz nette wichtige Rolle. (Hier geht es nicht
darum, dass solche Ideen irgendwie auch mit dem Fetischismus zu tun
haben, sondern darum, dass sich das Bewusstsein nicht direkt aus dem
Fetischismus ableiten lässt.) Falsch ist zweitens auch, dass daraus,
dass die Masse der ArbeiterInnen in normalen Zeiten kein revolutionäres
Bewusstsein hat, sich ergibt, dass die Arbeiterklasse in nicht normalen
Zeiten ebenso schwer wie die Kapitalisten zu einem revolutionären
Bewusstsein gelangen kann. Lenin machte in seiner Schrift „Was tun“ 1902
den Fehler, dass er unter dem Einfluss von Karl Kautsky schrieb, die
Arbeiterklasse könne nur zu einem „trade-unionistischen“
(gewerkschaftlichen) Bewusstsein gelangen und das revolutionäre
Bewusstsein müsse von außen in sie hineingetragen werden. Lenin hat
diesen Fehler schon während der Revolution 1905 wieder korrigiert. Aber
Heinrich, der Lenin und Kautsky als Traditionsmarxisten (s. u.) verdammt
und meint, sie weit hinter sich gelassen zu haben, propagiert genau
diesen Fehler von ihnen in anderen Formulierungen.
Zweitens lehnt Heinrich nicht nur Marx’ Auffassung ab, im Kapitalismus
gebe es eine „tendenziell fallende Profitrate“. Soweit Heinrich damit
Vorstellungen bekämpft, der Kapitalismus würde irgendwie automatisch
zusammenbrechen, hat er Recht. Aber er schüttet das Kind mit dem Bade
aus. „Sind aber solche tiefen Krisen unvermeidbar, so wird damit auch
immer wieder die gesamte Lebenslage der Arbeiterklasse prekär: für alle
einmal erreichten Sicherungen und Standards besteht dann die Gefahr,
dass sie den Erfordernissen der Kapitalverwertung geopfert werden. Indem
jedoch die Bedingungen der Produktion von Profit immer wieder mit den
elementaren Lebensinteressen der Mehrheit der Bevölkerung kollidieren,
wird sich auch immer wieder von neuem die Frage nach der Legitimität
dieses Gesellschaftssystems und nach der Möglichkeit einer
gesellschaftlichen Alternative stellen.“ (Wissenschaft vom Wert, S. 370)
Positiv ist, dass Heinrich hier ausdrücklich die Arbeiterklasse erwähnt
und die Wirkung der Krisen auf ihre Lebenslage – offenbar ist die
Arbeiterklasse doch nicht immer Teil eines Einheitsbreis mit durch den
Fetischismus der kapitalistischen Verhältnisse irregeleitetem
Bewusstsein. Aber für Heinrich gibt es keine Zuspitzung der
Widersprüche, keine historischen Tendenzen des Kapitalismus, sondern nur
ein „immer wieder“ der Krisen. Nachdem es seit etwa 1825 etwa alle zehn
Jahre eine Konjunkturkrise gibt, ohne dass die Arbeiterklasse den
Kapitalismus gestürzt hat, ist nicht zu verstehen, warum wir in Zukunft
erfolgreicher sein sollten. Heinrich widerspricht hier zwar seiner
Auffassung bei der Analyse des Fetischismus bezüglich der Rolle der
Arbeiterklasse, aber in beiden Fragen fällt er in den vormarxschen
utopischen Sozialismus zurück. Einmal wirft er die subjektiven
Voraussetzungen der Überwindung des Kapitalismus über Bord (die
Arbeiterklasse als Kraft, die den Kapitalismus stürzen kann), das andere
Mal die objektiven Voraussetzungen (die Zuspitzung der Widersprüche im
Kapitalismus, die Ansatzpunkte für diesen Sturz erzeugt).
Was noch „zu tun bleibt“, ist, den Sozialismus selbst über Bord zu
werfen bzw. seines Inhalts zu berauben. Auch das macht Heinrich in der
„Wissenschaft vom Wert“. Aber da Heinrich dabei direkt an Gedankengänge
anknüpft, die seine Analyse von Ware und Geld betreffen, also den
Gegenstand des hier kritisierten Buchs, ist hier ein passender Platz, um
die zentralen Punkte meiner Kritik kurz anzuführen, die im Folgenden
dann ausführlich begründet und belegt werden.
Heinrich stellt seine Lesart des „Kapitals“ in die Tradition der „neuen
Marx-Lektüre“. Meine Kritik an Heinrich bedeutet nicht, dass ich
sämtliche Aussagen dieser „neuen Marx-Lektüre“ für falsch halten würde
(nicht einmal: entweder für falsch oder für längst bekannt). Z.B. halte
ich es für ein großes Verdienst dieser Lektüre, die unverzichtbare
Rolle, die Marx im Unterschied zur klassischen (und heutigen
neoklassischen) Ökonomie dem Geld im Austausch zuerkannte, wesentlich
stärker herauszustreichen als das bis dahin üblich war. (Backhaus prägte
dafür die Begriffe „monetäre Werttheorie“ bei Marx und „prämonetäre
Werttheorie“ bei der klassischen Ökonomie.) Ebenso richtig finde ich im
Prinzip die Betonung, dass die Reihenfolge der Darstellung im Marxschen
„Kapital“ durch den Zusammenhang der ökonomischen Kategorien innerhalb
des Kapitalismus bestimmt ist und nicht durch eine historische
Aufeinanderfolge der Entstehung. Allerdings gibt es bei der Frage des
„Historischen“ im „Kapital“ in der „neuen Marx-Lektüre“ Tendenzen, das
Kind mit dem Bade auszuschütten, das Auftreten von Waren in
vorkapitalistischen Gesellschaften zu leugnen.
Es ist vielleicht sinnvoll, Marx Gedanken in einer kurzen
Zusammenfassung zu zitieren, die er in den „Theorien über den Mehrwert
gibt“ – auch weil das Zitat in der Literatur meines Wissens wenig
beachtet wurde.
„Wir gehen von der Ware - von dieser spezifischen gesellschaftlichen
Form des Produkts - als Grundlage und Voraussetzung der kapitalistischen
Produktion aus. Wir nehmen einzelne Produkte in die Hand und analysieren
die Formbestimmtheiten, die sie als Ware enthalten, die sie zur Ware
stempeln. Vor der kapitalistischen Produktion - in frühren
Produktionsweisen - tritt ein großer Teil des Produkts nicht in
Zirkulation, wird nicht auf den Markt geworfen, nicht als Ware
produziert, nicht zur Ware. Andrerseits ist dann ein großer Teil der
Produkte, die in die Produktion eingehen, nicht Ware und geht nicht als
Ware in den Prozess ein. Die Verwandlung der Produkte als Waren findet
nur an einzelnen Punkten statt, erstreckt sich nur auf den Überschuss
der Produktion etc. oder nur auf einzelne Sphären derselben
(Manufakturprodukte) etc. Die Produkte gehen weder dem ganzen Umfang
nach als Handelsartikel in den Prozess ein, noch kommen sie ihrer ganzen
Breite nach als solche aus ihm heraus. Dennoch ist die Entwicklung des
Produkts zur Ware, Warenzirkulation und daher Geldzirkulation in
bestimmten Grenzen, daher ein bis zu gewissem Grad entwickelter Handel
Voraussetzung, Ausgangspunkt der Kapitalbildung und der kapitalistischen
Produktion. Als solche Voraussetzung behandeln wir die Ware, indem wir
von ihr als dem einfachsten Element der kapitalistischen Produktion
ausgehen. Andrerseits aber ist das Produkt, das Resultat der
kapitalistischen Produktion, Ware. Was als ihr Element erscheint, stellt
sich später als ihr eignes Produkt dar. Erst auf ihrer Basis wird es
allgemeine Form des Produkts, Ware zu sein, und je mehr sie sich
entwickelt, desto mehr gehen auch die Produkte in der Gestalt der Ware
als Ingredienzien in ihren Prozess ein. Die Ware, wie sie aus der
kapitalistischen Produktion herauskömmt, ist verschieden von der Ware,
wie von ihr als Element der kapitalistischen Produktion ausgegangen
wird. Wir haben nicht mehr die einzelne Ware, das einzelne Produkt vor
uns. Die einzelne Ware, das einzelne Produkt erscheint nicht nur reell
als Produkt, sondern auch als Ware, als nicht nur reeller, sondern auch
ideeller Teil der Gesamtproduktion. Jede einzelne Ware [erscheint] als
Träger eines bestimmten Teils des Kapitals und des von ihm geschaffnen
Mehrwerts.“ (MEW 26.3, S. 108f.)2
Die Ware ist also „eine spezifische gesellschaftliche Form des
Produkts“. Marx geht von der Ware „als Grundlage und Voraussetzung“, als
„einfachstes Element der kapitalistischen Produktion“ aus. Historisch,
in vorkapitalistischen Gesellschaften, war ein Großteil der Produkte
keine Waren. Auch Produkte, die schließlich als Waren verkauft wurden,
wurden nicht als Waren produziert, sondern erst nachträglich als Waren
verwendet. Diese Verwandlung in Waren, Warenzirkulation und
Geldzirkulation sind die Voraussetzung, der Ausgangspunkt der
Kapitalbildung und des Kapitalismus. Das alles ist der Ausgangspunkt der
Marxschen Analyse, der Gegenstand der ersten Kapitel des Kapitals.
Später (nämlich im dritten Band des Kapitals) behandelt Marx dann die
Ware „als eignes Produkt“ der kapitalistischen Produktion, die „Ware,
wie sie aus der kapitalistischen Produktion herauskömmt“. Der
entscheidende Unterschied zwischen der Ware als Grundlage, Voraussetzung
und Element der kapitalistischen Produktion im ersten Band und der Ware
als Produkt der kapitalistischen Produktion im dritten Band des Kapitals
ist, dass Marx im dritten Band den Begriff des Produktionspreises der
Ware einführt. Womit wir es im Kapitalismus real zu tun haben ist aber
(bis auf wenige zu vernachlässigende Ausnahmen) die Ware als Produkt der
kapitalistischen Produktion. Die Ware als Grundlage, Voraussetzung,
Element der kapitalistischen Produktion ist ein notwendiger
Analyseschritt, aber eine nichtempirische Theorieebene. Dass es diese
Ebene bei Marx gibt und eine entscheidende Rolle spielt, weiß Heinrich
auch. In der „Wissenschaft“ hat er es zu Recht betont. Nur: Wenn der
Kauf und Verkauf von Waren in der empirischen Wirklichkeit gar nicht zu
ihren Werten stattfindet, sondern zu von ihnen verschiedenen
Produktionspreisen (oder genauer: zu Marktpreisen, die um die
Produktionspreise pendeln), dann ist die Annahme sinnlos, die Werte
würden erst durch den Tauschakt fixiert. Aber das ist Heinrichs Position
– oder vielmehr, das ist in zwei der drei Positionen beinhaltet,
zwischen denen Heinrich schwankt. Nach seiner extremen Lesart ist die
Produktion im Kapitalismus eine Produktion von Gütern, die erst im
Moment des Tauschakts in Waren verwandelt werden. Nach seiner gemäßigten
Lesart ist die kapitalistische Produktion Warenproduktion. Wie groß der
Wert der Waren ist, entscheidet sich aber erst im Austausch. Und
gelegentlich vertritt er auch die wirkliche Marxsche Position, wonach
der Wert durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt
wird. Zu diesen Schwankungen kommen noch Differenzen zwischen Heinrichs
aktuellem Buch und seinen früheren Büchern:
Weiter: da die Ware im ersten Abschnitt des „Kapitals“ als Grundlage,
Voraussetzung und Element der kapitalistischen Produktion untersucht
wird, ist ihre Untersuchung nicht Selbstzweck. Sie bereitet die Analyse
des Kapitals vor. Das Kapital im Marxschen Sinne (nicht im Sinne
bürgerlicher Ökonomen, die sich meist einbilden, Produktionsmittel –
Maschinen etc. – seien von Natur aus Kapital oder „Kapitalgüter“,
unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen) ist ein
gesellschaftliches Verhältnis, „sich selbst verwertenden Wert“,
„prozessierender Wert“. Dazu gehört, dass Kapital aus der Geldform in
die Warenform übergehen kann und umgekehrt, aus der Produktionssphäre in
die Zirkulationssphäre und umgekehrt. Dabei weiß Marx natürlich, dass
diese verschiedenen Käufe und Verkäufe misslingen können, dass ein
Verkäufer seine Waren nicht oder nur zu einem niedrigeren Preis
verkaufen kann (in den letzten Monaten haben wir dafür genügend
Beispiele erlebt). Genauso kann es einem Käufer passieren, dass er für
seine Waren wesentlich mehr Geld hinblättern muss, als er vorgesehen
hatte. Marx bezeichnet daher den Verkauf als den „Salto mortale der
Ware“ (Marx, S. 120) Aber der Salto mortale von Zirkusartisten gelingt
in der Regel. Auch eine Gesellschaft, die zugleich auf einer
hochgradigen Arbeitsteilung und Produktion von Waren für einen Markt
beruht, könnte nicht bestehen, wenn dieser Salto mortale nicht in der
Regel gelingen würde. Deshalb geht Marx davon aus, dass sich die
grundlegenden Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus analysieren lassen,
indem man von den Abweichungen abstrahiert und voraussetzt, dass die
Waren zu ihren Werten (bei der Analyse der Ware als Grundlage,
Voraussetzung und Element der kapitalistischen Produktion) bzw. zu ihren
Produktionspreisen (bei der Analyse der Ware als Produkt der
kapitalistischen Produktion) verkauft werden.
Aber Heinrich stellt das in den Mittelpunkt, was Marx nur der
Vollständigkeit halber kurz anführt und wovon er im weiteren Verlauf der
Analyse abstrahiert. In diesem Blickwinkel ist jeder Verkaufsakt ein
unkalkulierbares Abenteuer und es ist ziemlich unverständlich, wie so
ein Kapitalismus überhaupt Jahrhunderte lang bestehen könnte. Heinrich
sieht dieses Problem nicht, denn sein Blickwinkel bei der Analyse der
Ware ist der Blickwinkel des einzelnen Kapitalisten, der seine Waren
verkaufen möchte, derselbe Blickwinkel, der auch in der bürgerlichen
Ökonomie vorherrscht. Marx Blickwinkel dagegen ist die Frage, wie sich
die kapitalistische Gesellschaft im Ganzen reproduzieren kann. Dass
Heinrich in der „Wissenschaft vom Wert“ Marx vorgeworfen hat, nicht
konsequent mit der bürgerliche Ökonomie gebrochen zu haben, ist dabei
noch ein ganz besonderer Witz.
Aber ein Witz mit Konsequenz: Heinrich rechnet sich zu der „neuen
Marx-Lektüre“, die zu Recht die grundlegende Bedeutung des Geldes für
den Kapitalismus betont. Aber sein Irrglaube, dass der Wert der Waren
durch den tatsächlich vollzogenen Austausch ermittelt werde, lässt ihn
in den Marxschen Text Tauschakte hineinphantasieren, wo Marx tatsächlich
nur von der Wertbestimmung der Waren durch den Vergleich von Waren
schreibt und den Begriff des Geldes noch gar nicht entwickelt hat. So
phantasiert er in Marx’ Text den Tausch Ware gegen Ware hinein, während
Marx tatsächlich im Unterschied zur bürgerlichen Ökonomie betont, dass
im Kapitalismus der Tausch Ware gegen Geld (also Kauf und Verkauf) das
Normale ist.
Heinrich „löst“ dieses Problem, indem er an vielen Stellen die Bedeutung
des Begriffs „monetäre Werttheorie“ verdreht und mit seinen Ansichten
über die Bestimmung des Werts im Austausch identifiziert. Dabei hat die
Frage, ob ich Waren gegen andere Waren oder gegen Geld tausche nichts zu
tun mit der Frage, ob das quantitative Austauschverhältnis dieses
Austauschs sich erst im Tauschakt ergibt oder seine Grundlage außerhalb
des Austauschs (im Produktionsprozess) hat.
Das führt uns zur Frage der Sozialismus-Vorstellung von Marx und Engels
im Unterschied zu der von Heinrich zurück. Heinrich zitiert Engels
„Anti-Dühring“ und Marx „Kritik des Gothaer Programms“. In diesem Text
schreibt Marx: „Es herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den
Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt
und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand
etwas geben kann außer seiner Arbeit und weil andrerseits nichts in das
Eigentum der einzelnen übergehen kann außer individuellen
Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die
einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim
Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer
Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern ausgetauscht.“ (MEW 19, S.
20, teilweise zitiert in „Wissenschaft vom Wert“, S. 390) Es sollte aus
der Marxschen Darstellung der ersten Phase einer kommunistischen
Gesellschaft (die später meist „Sozialismus“ genannt wurde) klar sein,
dass Marx hier nicht über Waren und Warenaustausch schreibt, sondern um
Produkte und ihre Verteilung, dass nur die Verteilung zunächst noch nach
dem selben Prinzip wie früher der Warenaustausch stattfindet. Natürlich
fand im Unterschied dazu im Stalinismus Warenkauf und -verkauf statt.
Aber das ist nur ein weiterer Beleg, dass der Stalinismus kein
Sozialismus im marxistischen Sinne war, sondern eine
Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Heinrich
zitiert aus Engels’ Anti-Dühring sogar unter anderem den Satz: „Die
Leute machen Alles sehr einfach ab ohne Dazwischenkunft des
vielberühmten "Werts".“ (MEW 20, S. 288, zitiert S. 388) Es ist schwer
begreiflich, warum Heinrich nicht sieht, dass, wenn es im Sozialismus
keinen Wert mehr gibt, auch weder eine nichtmonetäre noch eine monetäre
Werttheorie gelten kann. Heinrich bezweifelt die Planbarkeit der
Wirtschaft, weil in kürzester Zeit ungeheure „Koordinations- und
Anpassungsleistungen“ erforderlich wären (a.a.O., S. 391) Was ist
Heinrichs Alternative? „Die monetäre Werttheorie legt eher eine
genossenschaftliche Produktion nahe, deren gesamtgesellschaftliche
Koordination nicht durch eine (sowohl allwissende als auch zeitlos
reagierende) Zentrale hergestellt werden kann, sondern die eigener
vermittelnder Medien bedarf, die allerdings gesellschaftlich
kontrolliert werden müssen, soll sich nicht wieder die alte
Warenproduktion und damit schließlich auch das Kapitalverhältnis
wiederherstellen.“ (a.a.O.) In einer Fußnote ergänzt er: „Insofern
erscheinen auch Vorstellungen eines ‚Marktsozialismus’, wo statt
kapitalistischer Unternehmen selbstverwaltete Genossenschaften am Markt
konkurrieren, recht problematisch.“ (a.a.O., Fußnote 21) Aber was
schlägt er anderes vor? Marx hatte im „Kapital“ den Frühsozialisten
Robert Owen gelobt: „es fällt Owen nicht ein, die Warenproduktion
vorauszusetzen und dennoch ihre notwendigen Bedingungen durch
Geldpfuschereien umgehen zu wollen.“ (Marx, S. 109) Heinrich dagegen
glaubt, durch „Geldpfuschereien“ die Warenproduktion zu überwinden und
ihre Rückkehr zu verhindern. Denn „vermittelnde Medien“ müssen zwar
nicht Geld sein – Kinokarten sind auch kein Geld. Aber Kinokarten dienen
nicht der „gesamtgesellschaftlichen Koordination“. „Vermittelnde
Medien“, die dieser Koordination dienen, sind Geld, egal wie man sie
nennt. Zu glauben, dass man solche „vermittelnden Medien“ durch
„gesellschaftliche Kontrolle“ daran hindern kann, wie Geld zu
funktionieren, ist ein Rückfall in den utopischen Sozialismus à la
Proudhon, dessen Widerlegung eines der Ziele von Marx’ „Kapital“ war.
Heinrich spottet über die „gesamtgesellschaftliche Koordination“ durch
eine „Zentrale“. Natürlich muss eine solche Koordination demokratisch
sein, um eine Neuauflage des Stalinismus zu verhindern. Aber die
Alternative dazu ist, dass sich die gesellschaftlichen Zusammenhänge
hinter dem Rücken der Produzenten durchsetzen, wie Marx das im
„Fetischkapitel“ des „Kapitals“ (das in diesem Text auch ausführlich
behandelt wird) herausgearbeitet hat. Entweder die Produktion ist durch
eine gesamtgesellschaftliche Planung unmittelbar vergesellschaftet,
wobei diese Planung demokratisch sein muss und sehr dezentral sein kann
(das Zentrale kann sich auf eine Rahmenplanung beschränken). Oder die
Produktion besteht aus individuellen Privatarbeiten (wobei es keinen
grundlegenden Unterschied ausmacht, ob die produzierenden Einheiten
kleine Handwerksbetriebe, kapitalistische Betriebe oder Genossenschaften
sind), die erst über den Markt vergesellschaftet sind. Dann bleiben aber
Warenproduktion, Fetischcharakter der Ware, Konjunkturzyklen bestehen
und keine Geldpfuschereien und gesellschaftlichen Kontrollen können die
kapitalistische Dynamik stoppen.3
Mit meiner Kritik an Heinrich werde ich in seinen Augen zweifellos in
die Schublade „traditioneller, weltanschaulicher Marxismus“ gehören. Ich
würde es für eine Ehre halten, in der gleichen Schublade wie Trotzki
oder Rosa Luxemburg untergebracht zu werden. Aber welchen Sinn macht
eine Schublade, in die außer den genannten auch rechte Sozialdemokraten
vor dem Ersten Weltkrieg oder Stalin gehören? Für einen Menschen, der
glaubt, dass „zwei mal zwei“ nicht „vier“ ist (sondern „fünf“ oder
„Waschmaschine“ oder was weiß ich), mag es Sinn machen, alle Menschen,
die glauben, dass „zwei mal zwei“ „vier“ ist, in eine Schublade zu
packen. Von daher mag es für Heinrich Sinn machen, alle Menschen, die
seine Fehlinterpretation des „Kapitals“ nicht teilen, in eine Schublade
zu stecken. Da ich aber glaube, im Folgenden deutlich zu zeigen, dass
Heinrichs Interpretation des „Kapitals“ falsch ist, macht es keinen
Sinn, Menschen, die nicht viel mehr gemein haben, als dass sie diesen
bestimmten Fehler nicht gemacht haben (dafür andere Fehler und im Falle
Stalins noch viel Schlimmeres als Fehler) in eine Schublade zu stecken.
Kann man Heinrichs Lesart des Kapitals überhaupt eine
‚Fehlinterpretation’ nennen? Heinrich selbst hat in seiner „Wissenschaft
vom Wert“ bemängelt: „Überhaupt schien mir die häufige Rede von
‚Missverständnissen’ oder ‚Fehlinterpretationen’ (…) die Probleme
unangemessen zu vereinfachen: auch eine ‚Fehlinterpretation’ muss eine
Grundlage im interpretierten Text haben, ansonsten ist sie nur absurd
und dann auch keine Interpretation mehr (was natürlich auch vorkommt).“
(a.a.O., S. 10) Aber er selbst schreibt kurz danach: Der Text ist „nicht
einfach nur gegebenes Objekt, sondern ein sich historisch veränderndes:
seine Überlieferung ist eingebettet in eine Rezeptionsgeschichte, die
bereits eine Fülle von Konnotationen liefert, die nicht einfach vom Text
entfernt werden können wie man Krümel vom Papier entfernt; diese
Rezeptionsgeschichte hat vielmehr wesentlichen Anteil an der
Konstitution des Textes als ‚Werk’. Ebenso wenig ist der Interpret eine
tabula rasa; auch abgesehen von aller bornierten Interessiertheit, die
mit vorgefassten Urteilen an die Arbeit geht, um zu einem bereits
feststehenden Ergebnis zu gelangen, geschieht die Interpretation
notwendigerweise im Hinblick auf bestimmte wissenschaftliche und
politische Probleme, vor dem Hintergrund bestimmter
Auseinandersetzungen, in einer bestimmten Perspektive. Statt einer
bloßen Enthüllung ist die Interpretation ein konstruktiver Akt; sie
zeigt nicht bloß auf ein vorhandenes Objekt, sie formuliert vielmehr
innerhalb bestimmter Grenzen ein neues Objekt.“ (a.a.O., S. 26) Ob eine
Lesart nur eine Fehlinterpretation oder absurd ist, kann daher nicht
entschieden werden, indem man sie nur mit dem Text konfrontiert. Es
müsste auch untersucht werden, ob im Kontext der Rezeptionsgeschichte
Traditionen von Lesarten entstanden sind, die Interpretationen als
plausibel erscheinen lassen, die LeserInnen, denen diese Tradition fremd
ist, einfach nur absurd erscheinen mögen. Da eine Einbeziehung der
Rezeptionsgeschichte hier jeden Rahmen sprengen würde, werde ich auf ein
Urteil darüber verzichten, inwieweit Heinrichs Lesart eine
Fehlinterpretation oder „nur absurd“ ist.
Auf der anderen Seite stellt die Bedeutung der Rezeptionsgeschichte
Heinrichs Vorwurf gegen Marx infrage, dass die widersprüchlichen
Interpretationen mit Unklarheiten des Marxschen Textes zusammenhängen
müssen. Dass die Verdrehung des Verhältnisses von Produktion und
Austausch erst rund hundert Jahre nach der Veröffentlichung des
„Kapitals“ aufkam, ist schon ein Indiz, wie wenig Grundlage sie im
Marxschen Text hat. Es erforderte die geistige Verödung durch den
Stalinismus, damit eine Lesart plausibel erscheinen konnte, die
unzähligen Aussagen von Marx widerspricht, aber eben auch der
stalinistischen Lesart.
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