„Aufklären, mobilisieren, demonstrieren, streiken“
[Druckversion] Thema: Betrieb und Gewerkschaft, Arbeitskämpfe, Öffentlicher Dienst, veröffentlicht: 05.02.2010
Kommunalpolitiker der Linken sollten Kürzungshaushalten die Zustimmung
verweigern. Ein Gespräch mit Claus Ludwig
Welche Erfahrungen hast Du als Betriebsrat mit dem Tarifvertrag für den
öffentlichen Dienst gemacht?
Kein Kollege sieht diesen Tarifvertrag positiv. Im Betriebsrat müssen
wir bei jeder Neueinstellung erleben, dass die Leute unglaublich niedrig
eingestuft werden. Sachbearbeiter und Haustechniker bekommen nur
Entgeltgruppe6, fast alle nur mit Erfahrungsstufe1. Einige Kolleginnen
sind in Tränen ausgebrochen, als ihnen klar wurde, wie ihre
Gehaltsentwicklung in den nächsten Jahren verlaufen wird. Dabei wurde
der bittere TVÖD uns mit der automatischen Höhergruppierung nach einem
Jahr versüßt. Wirklich heftig wird der TVÖD erst in seiner
Langzeitwirkung, die dazu führen wird, dass jede und jeder von uns
Tausende bis Zehntausende Euro gegenüber dem BAT
(Bundesangestelltentarifvertrag, jW) verliert.
Wie bewertest Du die Forderung nach »Fünf Prozent Gesamtvolumen«?
Das hört sich erst mal gut an. Aber hinter dem Begriff »Gesamtvolumen«
verbirgt sich leider, dass ver.di keine klare, bezifferte
Gehaltsforderung aufgestellt hat. In der Tarifrunde soll zwar Wichtiges
durchgesetzt werden wie Übernahmegarantien für Azubis, Wiedereinführung
der Bewährungsaufstiege, Verlängerung der Altersteilzeitregelung. Aber
die sind in der Fünf-Prozent-Forderung schon enthalten.
Was sollte statt dessen verlangt werden?
Die durchaus richtigen Punkte müssten mit einer klaren Lohnforderung
verbunden werden. Fünf Prozent ja, aber nicht als Teil des
Gesamtvolumens, sondern als Gehaltskomponente des Paketes. Außerdem
reicht eine rein prozentuale Erhöhung nicht aus, vor allem die unteren
Lohngruppen müssen mehr bekommen. Zentral wäre auch die Verkürzung der
Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich.
Der Kommunale Arbeitgeberverband sagt, die ver.di-Forderung sei nicht
finanzierbar. Wie bewerten Sie die Drohung, Lohnerhöhungen durch
Stellenabbau zu kompensieren?
Das ist absurd. Die Städte und Gemeinden bluten durch die von Bund und
Land organisierte Umverteilung zugunsten der Banken, der Reichen und
Besitzenden finanziell aus. Wenn die Bürgermeister was gegen ihre
Finanzkrise tun wollen, sollen sie sich mit Bund und Ländern anlegen und
denen die Rechnung für all die zusätzlichen Aufgaben der letzten Jahre
präsentieren, anstatt den Beschäftigten und der Bevölkerung die
Krisenlasten aufzudrücken.
Einige Stadträte der Partei Die Linke beugen sich dem Diktat der leeren
Kassen und versuchen, durch Absprachen mit SPD und Grünen
genehmigungsfähige Haushalte durch Kürzungen und Gebührenerhöhungen
hinzukriegen. Wie bewerten Sie das, und wie ist die Situation in Köln?
Die Linke darf sich nicht an der »Haushaltskonsolidierung« der
bürgerlichen Parteien beteiligen. Wir sollten eine klare Linie ziehen:
Ablehnung sämtlicher Verschlechterungen. Ich kann mir keine Situation
vorstellen, in der man in der jetzigen Lage einem Haushalt zustimmen
könnte. In Köln fehlen 540 Millionen Euro, im Mai soll der Etat
beschlossen werden. Noch drücken sich Oberbürgermeister und Etablierte
darum zu sagen, wo sie massiv kürzen wollen.
Was sollte die Linke und was sollten ver.di und die anderen
Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes tun?
Aufklären, mobilisieren, demonstrieren, streiken. Gewerkschaften und
Linke sollten alles tun, um die unterschiedlichen, von Kürzungen
betroffenen Gruppen, von Beschäftigten über Jugendliche, Erwerbslose bis
hin zu Nutzerinnen und Nutzern kommunaler Einrichtungen zu vereinen.
Nicht Widerstand gegen diese oder jene Einzelkürzung ist angesagt,
sondern ein Gegenentwurf zum gesamten Kürzungshaushalt. Arbeitsplätze
und öffentliche Dienstleistungen müssen verteidigt werden. Die
Einnahmesituation der Kommunen muss verbessert werden, die Gewerbesteuer
erhöht, und die Landes- und Bundesmittel müssen aufgestockt werden.
Claus Ludwig ist Mitglied des Kölner Rates für die Partei Die Linke,
Ersatzmitglied im Betriebsrat bei der Deutschen Gesetzlichen
Unfallversicherung (DGUV), Unterstützer des »Netzwerks für eine
kämpferische und demokratische ver.di« und Mitglied der SAV. Das
Interview führte Ursel Beck. Es erschien erstmals am 4.2.2010 in der
Tageszeitung junge Welt.
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